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Donnerstag, 19. Juni 2014

Textfragment Bewertungsbeamte

Wir sind Beamte. Überaus ordentlich und vor allem schnell, wenn es ums Ablegen und Einordnen geht. Für alles gibt es eine Schublade, die, mit einer Überschrift versehen, das vom Tisch wischt, was sich zumindest oberflächlich betrachtet, gut einordnen lässt.

Das braucht uns nicht zu wundern. Ordnung ist das halbe Leben und die restliche Zeit verschaffen wir uns die Eindrücke, die es zu bewerten und einzuordnen gilt. Zu behaupten, es wäre anders oder gar wertfrei, wäre naiv, da jegliche Entscheidung auf einer Bewertung beruht, deren Ziel es ist, eine möglichst günstige Situation zu erschaffen in die die Entscheidung mündet. Und wann entscheiden wir nicht? Sitzen oder stehen? Vollmilch, H-Milch, fettreduziert oder bio? Mögen oder nicht? Wir entscheiden, indem wir wählen, bewusst wie unbewusst.

Damit uns das Wählen möglichst effektiv, manche verstehen darunter "schnell", gelingt, arbeiten die Beamten in uns unentwegt. Ihr Ziel ist es, einen möglichst anwenderfreundlichen Bewertungskatalog zu erstellen, der wesentlichen Anteil an Entscheidungsprozessen nimmt - besonders wenn dieser unbewusst abläuft. Innere Konflikte, die im schlimmsten Fall zur Krise eskalieren, sollen, wie das in Frage stellen der Entscheidung vermieden werden. Die Milch soll gewählt und verwendet werden und uns selbst sollte es mindestens egal sein, dass wir uns genau dazu entschlossen haben. Und entschlossen bedeutet hier konkret: anderes ausgeschlossen haben!  Das ist der Dienst, den das Bewerten leistet. Der innere Beamtenstaat funktioniert im Sinne von "legt weiter einwandfrei ab" und bleibt unbemerkt, solange das resultierende Verhalten dem selben Pragmatismus entspricht. Selbst wenn die Wahl nicht in ein erwartetes Ergebnis mündet, haben die inneren Ärmelschoner eine Bewertung dafür parat: Die anderen, die Umstände, das Schicksal und was weiß der Teufel noch was, sei schuld, dass das, was der inneren Wahrheit entsprach, in der Welt da draußen nicht die gewünschte Situation erzeugt. Sofort startet das Notprogramm, das erst durch die Befeuerung mit Bewertungen so richtig in Fahrt kommt. Schuld geben, schlecht wie unmoralisch sein, von Idioten umgeben und selbst der Ärmste unter den Unverstandenen zu sein, schützt letztlich nur eines: das eigene Bewertungssystem, das sich äußerst selten reformwillig zeigt.

Gleichzeitig zwingen uns Erfahrungen dazu, Bewertungen zu revidieren und den Katalog, der ja den Anspruch auf Benutzerfreundlichkeit erhebt, zu überarbeiten. Ein einfaches Beispiel wäre die Veränderung des Geschmacks, der, aus einer biologischen Notwendigkeit heraus, das Bewertungssystem Lieblingsgericht im Laufe des Lebens mehrmals über den Haufen wirft. Natürlich bestätigt auch hier die Ausnahme die Regel wobei ich schlicht annehme, dass sich der Speiseplan ändert, sofern das wachsame Auge der Mutter nicht mehr wie ein Geier darüber kreist...

Das Bewertungssystem reagiert auf diese Art der Neubewertungen flexibel. Relativ schnell wird eine Lade gefunden, in die man einordnen kann. Schlimmstenfalls wird eine neue Lade geöffnet und die Herausforderung liegt in der Zuordnung einer Überschrift, die gleichzeitig klar stellt, in welchem Lagerabteil diese wieder zu finden ist. Nachdem die innere Ordnung sich lediglich erweitert und die emsigen Einordner im Einordnen der neuen Eindrücke nicht überfordert, im Sinne von überflutet, werden, herrscht Ruhe im Bewertungsparadies.

Die Staatskrise ist jedoch vorprogrammiert, wenn das System an sich zur Frage gestellt wird. Selbst die Androhung einer Revision führt zum "Auf die Barrikaden steigen". Der gewählte Aktionismus reicht vom "an sich selbst zweifeln" bis hin zu Fehlbewertungen, die durch die entstehende Irritation beweisen soll: Veränderung schafft Entscheidungsunsicherheit! Und wer verzichtet gerne auf Sicherheit? Besonders effektiv werden Reformen durch Streiks verhindert. Keine Bewertung - keine Wahl - so bleibt nur die Qual in der man sich befindet und aus der man sich erst durch die Entscheidung befreit, sofern diese endlich getroffen werden kann. Subtiler ist der Dienst nach Vorschrift, der den Revisoren zumindest Kooperationsbereitschaft vorspielt um im unpassendsten Moment aus Kränkung über das in Frage gestellt werden unpässlich den Dienst verweigert. Immer anklagend: Ich würde ja, aber du lässt mich nicht!

Ich vermute, dass sich jeder zumindest einmal  in seinem Leben dieser Situation stellen musste. Krisenhaft beschreibt am ehesten das, was sich dann in einem abspielt, wenn sich dieses System gegen einen selbst richtet, den Dienst verweigert indem es zumindest die Kooperationsbereitschaft  aufkündigt. Und auch hier ist es wie mit jedem anderen Konflikt, der, je nach Beschaffenheit der Lösung, Entwicklung oder Resignation bedeuten kann. Ungeklärt führt dieser Konflikt (wie vermutlich viele andere Konflikte, die auf Erlösung warten) in eine Psychopathologie.

Wie ist nun Staat zu machen mit dem Beamtenbewertungssystem, das durch Androhung der absoluten Orientierungslosigkeit, sich der eigenen Bewertung entzieht und die gewünschten Reformen im Hinblick auf das eigene Wohlbefinden eher scheitern lässt?

Ein Schlüssel liegt bestimmt in der Bewertung der Selbstrevision, die vielleicht der Annahme erliegt, all das, was der Beamtenstaat leistet, falsch ist. Sofern man sich auf die Oberfläche von Haltungen wie: "es gibt kein Richtig oder Falsch, alles kann man verstehen wenn man den Kontext berücksichtigt, etc." beschränkt, werden sie zu den Förderern, die die Annahme, das das Bewerten falsch sei, bestärkt, indem sie genau das Bewerten an sich in Frage stellen und selbst dadurch bewerten. So obskur sich das jetzt ließt: das Bewerten an sich darf keiner Bewertung unterliegen. Die Art, wie bewertet wird sehr wohl.

Hier schließt sich für mich zumindest ein kleiner Kreis, der durch zahlreiche Selbstversuche zumindest für mich Sinn ergibt:

Wenn ich bei meinen Beamten einen Bewertungskatalog in Auftrag geben, der Eindeutigkeit fordert um schnell eine Bewertung zu erzielen, dann wird er scheitern mit zunehmender Komplexität der Situation, die es zu bewerten gilt. Die Beamten erfüllen den Auftrag wie geheißen, indem sie sich auf wenige Laden beschränken, in denen Erfahrungen eingeordnet werden. Radikal vereinfacht: Gut und Schlecht. Dass man damit manchmal weit genug im Leben kommt mag daran liegen, dass sich viele darauf beschränken... Glaube ich, dass selbst im Schlechten Gutes und umgekehrt liegen kann, erfordert es wesentlich mehr Schubladen, die zur Bewertung von Situationen herangezogen werden. Dieser Zugang kostet mit Sicherheit Eindeutigkeit und Zeit. Die Frage, die sich spätestens jetzt stellt ist: wie geneigt bin ich, im eigenen Bewerten der Welt der Komplexität der selben Rechnung zu tragen? Sehe ich in meinem Gegenüber den höflichen Herrn Huber oder nehme ich ihn als komplexe Persönlichkeit wahr, der als facettenreiche Persönlichkeit nicht begreifbar und somit außerhalb jeglicher Bewertung steht? Nicht, weil man es grundsätzlich nicht könnte sondern aus Ermangelung an Eindrücken, die zu bewerten wären, wenn man eine grundlegende Bewertung von Herrn Huber vornehmen wollen würde. Wir können also nur Beobachtbares (auch Gefühle werden im Fühlen beobachtet und kognitiv verarbeitet...) bewerten und Herr Huber als Persönlichkeit darf unbewertet weiterleben und manchmal höflich sein.

Unsere Beamten hätten unheimlich viel zu tun, müssten sie Komplexität und Eindeutigkeit unter einen Hut bringen. Über die Zeit, die das Erfassen von allem kosten würde will ich gar nicht nachdenken. Sie würden vermutlich die Arbeit bereits bei Auftragserteilung niederlegen.

Das rechte Maß an Komplexität des Schubladensystems ist in Frage zu stellen, wenn es darum geht dem Selbst und der Welt gerecht im bewertenden Sinne zu werden. Denn aus der Bewertung wird die Entscheidung getroffen, die darüber entscheidet, wie es weiter geht.