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Sonntag, 25. Mai 2014

Textfragment Ruhe

Von irgendwo her klingt Klavier. Ein unsicheres Anschlagen der Tasten einer Übungsstunde, die keinen Zweifel an der Mühe des Spielenden hinterlässt. Ich lehne mich zurück und versinke förmlich in den unendlichen Weiten meines Liegestuhls, der mich durch sein sanftes Nach-hinten-kippen einlädt, meine Augen zu schließen um in das einzutauchen, was sich frühsommerlich anfühlt. Noch immer vernehme ich die kindlich leichte Etüde, die durch die Wiederholung einzelner Takte, eingebettet in die Melodie des Vogelsangs, die Stimmung des Windes unterstreicht, der mir zaghaft um die Wangen streicht. Ich nehme wahr, ohne zuzuhören, ohne mich darauf einzulassen. Zu sehr sehne ich mich nach der Erleichterung, die mir die Entspannung im Garten bringen soll. Meine Augen fest verschlossen beginnen schwarze, rote, weiße Punkte zu tanzen. Die Sonne scheint mir ins Gesicht und treibt ihren Schabernack mit mir und meinem Sehen, dass nichts aus sich heraus sieht. Meine Suche nach Ruhe ließ mich einen Platz im Garten finden, der durch die Unruhe der Natur wahrscheinlich genau deshalb zu den ruhigsten zählt. Die Übungen am Klavier tragen Früchte. Der Anschlag verändert sich hin zu einem gezielten Notenspiel, welches zuhörends an Melodie gewinnt.

Ich habe den Eindruck, als würde mein Verharren die Zeit zum Stehen bringen. Nichts regt sich, regt auf und lässt mich unaufgeregt in die Eindrücklichkeit der zum Stillstand gekommenen Zeit eintauchen. Selbst der angeschlagene Takt der Zeitmesser synchronisiert sich mit dem Metronom, dem Taktgeber des Klaviers, um einen anderen Takt anzuschlagen.

Auch das ist Übungssache, das Stehenbleiben und Innehalten. Ich selbst war es, die durch sich selbst vorangetrieben, diese Momente gezielt übersprungen hat, um sich nicht mit dem eigenen Dilettantismus auseinander setzten zu müssen, der die Ruhe zum unerträglichen Moment verkommen hat lassen. Ungeübt im Stoppen der eigenen Lebenszeit trieb ich mich herum um erst in der ohnmächtigen Erschöpfung, die kein Wahrnehmen der Situation erforderte, komatöse Ruhe zu finden. Dabei habe ich übersehen, dass genau darin, im bewussten Wahrnehmen des Verharrens ein Schöpfen verborgen liegt, welches ein Mehr an Wahrnehmung erfahrbar machen würde, wenn ich mich bewusst in dieser Situation stelle. Die Möglichkeit aus der Ruhe heraus die Dinge zu betrachten offenbart Perspektiven, die in ihrer Qualität einer Art Übersichtlichkeit entspricht, die, in Bewegung, kaum zu bewerkstelligen wäre. Die Welt, die durch mein Denken zu meiner Wirklichkeit wird, einfach anhalten um sie durch mich einer Überprüfung zu unterziehen ist der schöpferische Akt, der zu einer Ausgewogenheit führt, die andere vielleicht als innere Mitte beschreiben würden.

Ich habe mich darauf eingelassen und bin anfänglich verzweifelt. Von Entspannung weit entfernt empfand ich es mehr als Durchstehen ohne das gewünschte Einsehen, welches ich mir durch die Ruhe erhoffte. Wenig in mir unterstütze mein neues Unterfangen, am wenigsten mein Kopf, der mich immer wieder zur Aktion aufforderte. "Nütze die Zeit, indem du sie dir vertreibst" war die keineswegs subtile Forderung, die mir den Müßiggang zum Canossagang werden ließ. Mein Anspruch an mich selbst brachte mir das Scheitern näher, als mir lieb war. Mein Klagen über meine Unfähigkeit sich dem hinzugeben, wovon ich mir viel Einsicht versprach, wurde zur Selbstanklage, zu einem Verurteilen meiner Fähigkeiten, die offensichtlich in dieser Situation weniger von Nutzen waren. In meinem übersteigernden Wunschdenken hoffte ich auf die Einsicht Siddharthas, um nach der 71 und einten Lektüre mir selbst einzugestehen: Das ist es für mich nicht! In diesem Zwiespalt des Wollens und nicht Könnens wollte ich die Ruhe über den Jordan jagen um mich nicht weiter mit meiner unruhigen Ruhe aus einander setzten zu müssen. Der Komafrieden erschien mir zwar als letzte, bereits alltagserpobte Ersatzhandlung, Kompromiss genug um die Ruhe zumindest nicht gänzlich aus meinem Leben streichen zu müssen. Glücklich war ich darüber nicht!

Eher durch Zufall als bewusst herbeigeführt stellte ich fest, dass die Ruhe der Umgebung mich unruhig werden ließ. In meinen Übungsstunden legte ich größten Wert auf ein ruhiges Umfeld, von welchem ich verlangte, dass es mir die innere Ruhe bescheren würde, nach der man Anspruch gierte. Genau das Gegenteil trat ein um festzustellen, dass in Momenten der größten äußeren Unruhe sich in mir eine Ruhe ausbreitete, in der Qualität, wie ich sie mir annähernd vorstellte. Keine Meditation, kein Kloster noch Reizarmut waren mein Schlüssel sondern vielmehr die Unstetigkeit sogar der Lärm, der mich beruhigte. Ich begann darauf zu achten und stellte fest, dass ich auf Abwegen meinen Weg gefunden hatte. Ich begann laut und drosselte die Lautstärke von mal zu mal um heute in der Unruhe der Natur meine Entspannung zu finden. Wenn es mir zu leise wird, höre ich genauer hin.

Ich höre das Klavier, wie es das nächste Stück zaghaft wiedergibt. Die Etüde - kein Meisterstück - bringt es letztlich auf meinen Punkt. Übung braucht keinen Meister zu machen. Es reicht, wenn es für den Moment stimmig ist.