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Mittwoch, 28. Mai 2014

Textfragment Grenzen (eingereicht bei Literaturwettbewerb Wortschatz 2014)

Ich habe soeben eine Grenze überschritten. Ihre Grenze! Mit meinem ersten T durchdrang das Schwarz des ersten Buchstabens Ihre Netzhaut. Ich dringe mit jedem meiner Worte in Sie ein. Mein Satz wird von Ihrem Gehirn ausgewertet. Es versucht etwas zu erfassen, ein Bild zu generieren, von dem was Sie hier zu erlesen versuchen. Dieses Bild wird auf Relevanz überprüft, einem Bewertungskanon unterworfen. Vielleicht haben Sie jetzt schon eine Hypothese im Kopf, eine Vorahnung von dem, was Sie, sofern sie mich noch ein Stück weiter in Sich eindringen lassen, lesen werden. Nutzen Sie die Möglichkeit, jederzeit aus diesem Text auszusteigen und fragen Sie sich dabei, welche Grenze Sie überschreiten müssen, um mich aus Ihrem Denken zu bringen, denn da bin ich bereits! Vielleicht fühlen Sie sich verpflichtet, Ihrem Auftrag der Textbewertung zu folgen und alles bis zum bitteren Ende durchstehen zu müssen. Überschreiten Sie die Grenze Ihres Pflichtgefühls, wenn Sie merken, dass dieser Text nichts für Sie ist und legen Sie ihn einfach beiseite.

Ich bin unanständig und werde Sie ab jetzt Duzen. Die Grenze des Anstandes überschritten, erwarte ich nicht Deine Einwilligung. Ich tu es einfach. Dein Weiterlesen zwingt Dich dazu, dieses Du – sofern Du es für unangemessen hältst – auszuhalten. Ich verwende die Nähe, die ich mir genommen habe, um mit Dir gemeinsam in der Begrenztheit der Zeilen überschreitend zu werden.

Ich gestehe, ich mache mich in Dir breit. Ich erschließe mir meinen Raum in Dir, ohne darauf zu achten, was ich in Dir an oder umstoße. Ich pflanze mich in Dir ein, ohne, dass Du es mir erlaubt hast. Deine Gedanken, die durch mich in deinem Kopf aufkeimen, entstammen meiner Aussaht. Ich stelle mir gerade vor, wie es wäre, Dich als Nachbarn zu haben. Ich betrete Dein Grundstück um auf Deinem Rasen mein Beet anzulegen. Ich würde mit dem Spaten die Erde auf einer Fläche von 3 x 4 m lockern und meine Blumenzwiebelvariation vergraben. Würdest Du mich anzeigen? Schadenersatz für den Rollrasen fordern? Vermutlich. Und gleichzeitig lässt Du das gerade in deinem Kopf zu. Ich verstehe wenn Du jetzt denkst, Stilblüten im Kopf unterscheiden sich grundlegend von Deinen Tulpen in meinem Gärtchen auf Deiner Wiese: Sind die Zwiebel erst ausgegraben und der Rollrasen neu verlegt, ist es so, als wäre nie etwas gewesen…

Liest Du noch? Ich nehme an, dass Du mir weiter Deinen Kopf zur Verfügung stellst. Gleichzeitig will ich mir Zugang zu dem Ort verschaffen, an dem Du Deine Emotionen lagerst. Das geht zu weit? Dann hör jetzt auf zu lesen! Leg den Text zur Seite und wende Dich den Texten zu, die du aus deiner Komfortzone kennst! Du brauchst es einfacher? Mach es Dir einfach! Lies den Heimattext zum Hirnausschalten oder befriedige Deinen Voyeurismus unter zu Hilfenahme einer ach so tragischen Biographie. Ich verstehe, wenn Dir aus Deinem Wunsch nach Komplexitätsreduktion heraus, mehr nach Einleitung, Hauptteil, Schluss ist. Dort darfst Du Dein Stilempfinden auspacken, ausbreiten und herumbewerten. Du brauchst Dich nur aus Deiner Selbstverliebtheit heraus zu fragen: Gefällt mir das? Liest sich das flüssig? Wenn Du Glück hast, darfst Du dich über einen Rechtschreibfehler alterieren, ein bisschen gnädiger Richter spielen und Dich insgeheim über die Hausfrauenpoesie lustig machen. Natürlich nur insgeheim. Alles andere wäre respektlos und überraschend mutig. Und an Mut fehlt es Dir gerade, wenn Du mit dem Gedanken spielst, mich beiseite zu legen. Empören Dich meine Worte? Nein? Dann bist Du unaufmerksamer als ich dachte!

Ich freue mich, dass Du dieses Wort noch liest! Offensichtlich ist Deine Geduld grenzenlos. Sofern Du meinen Text nicht in Papierform vor dir liegen hast, drucke die Seiten jetzt aus. Du hast genug davon, dass ich Dir sage, was Du zu tun hast? Papier ist geduldig – Du scheinbar nicht! Folge mir ein letztes Mal über Deine Grenze – es wird die letzte sein, die ich Dich überschreiten lasse!

Lege die erste Seite mit der Überschrift Textfragment Grenze hochkant vor Dich hin. Falte nun die linke Oberkante zur rechten Oberkante und die linke Unterkante zur rechten Unterkante. Ziehe mit dem Fingernagel einen Falz und klappe die Seite wieder auf. Du hast nun in der Mitte eine gut erkennbare Linie. Falte nun die linke wie die rechte Oberkante zu dieser Linie hin – so, dass eine Spitze entsteht. Nun klappst Du das Blatt wieder zusammen. Drehe das Konstrukt so zu Dir, dass die längste Seite Dir am nächsten ist und die Spitze nach links zeigt. Klappe nun die Tragflächen des Papierfliegers nach unten und wiederholde den Vorgang auf der Rückseite. Geh jetzt zum Fenster. Öffne es und lass ihn fliegen. Beobachte, wie er durch Luftwirbel getragen, fliegt. Vergegenwärtige dir, dass Du aus Deiner Begrenztheit heraus nie im Stande sein wirst, aus eigener Kraft heraus diesen Moment des Schwebens zu erleben. Und sei Dir dabei im Klaren, dass Du für einen Moment die Grenzen der Schwerkraft außer Kraft setzt und ihn fliegen lässt!