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Dienstag, 25. März 2014

Textfragment Verhärtung (Eskalationsstufe 1)

Scheinbar hatte sie es nicht eilig. Die Kolonne überholte ihren familienfreundlichen Kleinwagen und ihr Fuß, der üblicherweise das Gaspedal durchdrückte entspannte sich merklich. Die Tachonadel schnellte zurück und ließ genug Spielraum um dem frühmorgendliche Pendlerverkehr, der bereits lichthupend seine Ungeduld zum Ausdruck brachte, ein Überholmanöver zu ermöglichen, ohne eine Verletzung der Straßenverkehrsordnung zu riskieren. Sie drehte das Radio lauter. Ihre Gedanken waren schon längst angekommen. Sie saßen bereits am Schreibtisch und ordneten das Soll des Tages. Der erste Kaffee war gedanklich getrunken und die Blicke, die sie verunsicherten und in ihr diesen beklemmenden Zustand hervorriefen, hatten ihre gedankliche Aufmerksamkeit erregt. In der Umklammerung des Lenkrades begannen ihre Finger zu schmerzen. Sie lockerte den Griff und strich sich das Haar nervös aus dem Gesicht. Sie begann zu summen um das zu übertönen, was ihre Laune flussabwärts treiben ließ. "Scheiß Tag!" dachte sie und summte merklich lauter weiter. Sie wollte nicht ankommen um ihrem Drang nachzukommen, das unaussprechliche "Was ist in letzter Zeit los mit euch?" auszusprechen. Sie wollte nicht ankommen um in der Beklemmung festzustecken, die ihr den Eindruck des Erstickens näher brachte, als sie es sich je hätte vorstellen können. Das gepresste "Guten Morgen" war der Vorbote, der ihr versicherte, dass etwas nicht mehr in Ordnung war. Unerfindlich waren die Gründe und umso länger sie darüber nachdachte, umso mehr sehnte sie sich nach dem gemeinsamen unbeschwerten Lachen, das den Arbeitsalltag immer wieder aufheiterte. Sie wollte nicht ankommen und kam gedankenverloren an. Sie stieg aus dem Auto, querte den Parkplatz um vor der Eingangstür stehen zu bleiben. Sie holte tief Luft und schöpfte mit dem Atemzug Hoffnung, dass sich ihre Gedanken in Luft auflösen würden, sobald sie die Bestätigung bekam, dass sie sich all das, vor allem die Blicke, nur eingebildet hatte. Sie hoffte und atmete aus. Sie fasste nach der seit Jahren verklemmten Eingangstür, die nur mit erheblicher Kraft aufzuziehen war und trat ein. Das Neonlicht erhellte den Raum wie immer, es roch wie immer und sie fühlte sich wie seit kurzem, als die Blicke ihre Aufmerksamkeit zum ersten Mal erregten. Die Beklemmung hatte sie wieder im Würgegriff. Sie presste ihr "Guten Morgen" kaum hörbar aus sich heraus um im nächsten Moment hinter ihrem Schreibtisch zu verschwinden. "Morgen," dachte sie, "morgen werde ich es klären ..."