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Dienstag, 4. März 2014

Textfragment Totschlag

Ich habe die Zeit tot geschlagen. Wir hatten uns im Grunde nie gut verstanden. Es verwundert mich nicht, dass ich mich zu diesem Affekt hinreißen ließ. Ich kenne niemanden, der mir derart viel abverlangte, sodass mir offen gestanden keine andere Wahl blieb um mich tatkräftig aus dieser unsäglichen Beziehung zu befreien. Kein Gericht würde mich je dafür verurteilen. Das liegt vermutlich daran, dass ich meine Tat für jedermann nachvollziehbar rechtfertigen kann. Die Zahl der Nachahmungstäter steigt kontinuierlich, was wiederum Beweis genug für ihr grausames Spiel ist. Am Gängelband der Zeit zu hängen bedarf einem Befreiungsschlag, der unweigerlich zum Tod führt und dieses Mal musste die Zeit daran glauben.
Als die Zeit spürbar in mein Leben trat, machte sie sich rar. In ihrer Abwesenheit übte sie gewaltigen Druck auf mich aus, dem ich kaum gewachsen war. Meine Besessenheit und die ständige Suche nach ihr,  ließ sie zwischen meinen Fingern zerfließen. Ich war ihrem Vergehen widerstandslos ausgeliefert. Sie trieb mich an, zwang mich in den Schlaf und plante meinen Tag bis ins kleinste Detail, immer darauf bedacht mir vor Augen zu halten, wie kostbar sie sei. Mit der Zeit wurde mir klar, dass ich mich gegen sie zur Wehr setzten musste. Ich sehnte mich zurück in meine Kindheit, in der sie keine Macht über mich besaß. Das Spiel war frei von Raum und Zeit. Kein Druck, kein Mangel trübte den Moment. Es war kein Fluss, der abwärts trieb. Es war ein Aneinanderreihen von Ereignissen die jeweils aus dem Vorangegangenen entstiegen um sich im nächsten fortzusetzen. Nichts unterlag dem engen Korsett, das sich lapidar Zeitfenster nennt. Ihre subtile Namensgebung verschleiert ihre eigentliche Absicht, nämlich das Hineinpressen in Terminkalendern, das letztendlich in der Starre einer Korsage, jedem der sich einspannen lässt, die Luft zum Durchatmen nimmt. Es war nur eine Frage der Zeit, bis sich die Frage stellen würde: sie oder ich? Mein Überlebenskampf begann damit, dass ich versuchte, mir die Zeit zu vertreiben. Ich dachte es sei ausreichend, dass ich sie mir vom Leib hielt. Jede Form der Ablenkung kam mir gelegen. Die Einfalt wurde meine Vielfalt. Weniger war mein Antrieb. Isolation die Konsequenz. Je seichter, desto einfacher war es, die Zeit links liegen zu lassen. Dachte ich. Mein Zeitvertreib blieb von der Zeit nicht unbemerkt. Ich wollte ihr entfliehen und sie holte mich ständig ein. Sie war ständig da, drängte sich auf, belagerte mich und machte mir die Nacht zum Tag. Endlos zog sie sich hin ohne zu vergehen, wissend, dass mein Sein sich in der Vergänglichkeit erfüllen würde. Aus dieser aussichtslosen Lage heraus blieb mir letztendlich keine andere Wahl: ich schaltete den Fernseher ein und schlug sie damit tot.