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Freitag, 24. Januar 2014

Textfragment Ungläubig

Ich bin einem Vorurteil aufgesessen, von dem ich nicht annahm, dass ich es überhaupt besitze. Umso verstörender ist es für mich, zu erkennen, wie stark es aus einer Selbstverständlichkeit heraus wirkt. Wie ist mir das passiert? Wieso blieb es so lange unentdeckt und durfte sich so lange in mir entfalten, bis es zu einer Wahrheit wurde?
Dass Glaubenssätze, die über Jahrzehnte gebetsmühlenartig im Habitus von Familiengefügen ihren Ausdruck finden, unreflektiert über Generationen hinweg übernommen werden ist ein Phänomen , dass mir nicht fremd ist. Gleichzeitig möchte ich verdeutlichen, dass Glaubenssätze nichts Schicksalshaftes an sich haben. Die Auseinandersetzung mit der eigenen Familienkultur und der zugrundeliegenden "Religion" ist eine Möglichkeit, diesen Gebeten habhaft zu werden und sie, allein durch das Setzen in einen anderen Kontext, an Strahlkraft verlieren. Dass trotz aller Bemühungen, Glaubenssätze zu verwerfen, fruchtbarer Boden bleibt, war und ist mir klar.
Ich habe mich mit einem dieser Glaubenssätze über viele Jahre hinweg auseinandergesetzt. Ich kann nachvollziehen, aus welcher Notwendigkeit heraus er entstand. Warum er so zentral für unsere Familie und die Generation davor zum Leitmotiv wurde.  Mir ist bewusst, welche Auswirkungen die unbefragte Unterwerfung über die Jahre hinweg mit sich brachte. Ich erkenne die Ressourcen, die er mit sich bringt an und kann sie für mich nutzen. Gleichzeitig wurde mir jetzt schlagartig bewusst, dass ich den Satz nicht verstand! Mir war gänzlich unklar, wodurch er wirkte. Das Substantielle habe ich nicht begriffen.
Beim Ertappen des Vorurteils war mir klar, in welcher Ecke ich zu suchen hatte, um diesen Umstand genauer untersuchen zu können. Da war er wieder, der gut bekannte Satz - unberührt, als wäre ich zum ersten Mal auf ihn gestoßen! Ich folgte meiner Gedankenkette bis an den Punkt, an dem ich schon vor Jahren dachte, dass ich ihn für mich damit erledigt hätte. Diesmal stellte ich mir eine zusätzliche Frage: "Was lässt mich glauben?" So selbstverständlich ich diese Frage beantworten konnte, so erschreckend war das Ergebnis! Nämlich der Umstand der Ungläubigkeit an den eigenen Glaubenssatz! Er entpuppte sich zu einer Schutzbehauptung, der im Hintergrund eine Überzeugung wirken ließ, die im krassen Widerspruch dazu stand. Bereits Generationen vor mir versuchten genau damit einen Zweifel zu übertönen. Woran sie eigentlich glaubten war das exakte Gegenteil zu dem, wogegen sie zu Felde zogen! Um es auf den Punkt zu bringen:
Männer sind nichts wert! Das liegt einzig und allein daran, dass wir Frauen nichts wert sind und wenn wir das andere Geschlecht ebenfalls entwerten, sind wir gleich unwert!