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Mittwoch, 24. September 2014

Textfragment Kinderkriegsbilder

"Mama was ist das?" will sie wissen. Dabei deutet sie auf ein Bild aus einer Tageszeitung. Ich antworte:"Das sind Bilder vom Krieg." "Und was ist das?" will sie wissen und ich bemerke, dass ihr das, was sie sieht, gänzlich unbekannt ist. Neugierig tasten ihre Augen das Abgebildete ab. Sie betrachtet jeden Winkel um etwas zu erkennen, das ihr selbst Antwort geben könnte.

"Das ist ein Bild aus Sanliurfa, nahe der türkischen Grenze." sage ich. Die Antwort zwar wahrgenommen, konnte sie nichts damit anfangen. Sie starrte weiter. Mehrmals berührt ihr Zeigefinger das Bild, erst einmal zaghaft streichelnd, dann versucht sie, die Gesichter dahinter zu verdecken. Leise höre ich sie zählen, so wie sie es gerne tut, wenn sie versucht etwas zu begreifen. Die Welt der Zahlen gerade erst entdeckt, wird das Zählen der Dinge zusehends ihr Erklärungsversuch, indem sie begreifen kann, wie viel zumindest etwas ist. Ob es nun Kastanien oder in diesem Fall die Köpfe sind, spielt für sie keine Rolle. Ich höre, wie ihr Abzählen ins Stocken gerät. Undeutlich wird das Bild nach oben hin, schemenhaft das Geschehen im Hintergrund.

"Mama sind das viele?" will sie wissen, offenbar an der Undeutlichkeit gescheitert. Ich nicke. "Was passiert da?" fragt sie und sieht mir dabei fordernd in die Augen. Ihr Blick verrät, dass sie sich mit nichts anderem zufrieden geben würde, als mit einer Antwort mit der ihr Verstehen für das Gesehene einhergeht. "Das sind Syrier auf der Flucht vor einer Terrorgruppe." sage ich für mich ganz klar. "Häää? Auf der Fluch?" sie sieht mich mit großen Augen an und mir fällt auf, dass sie den Rest des Satzes unter den Tisch fallen lässt, so als wäre alles andere unwesentlich. "Ja," wiederhole ich "auf der Flucht."

Fliehen kennt sie. Vom Abfangen spielen, weil sie, wie jeder andere nicht als erster gefangen werden will. "Die Kinder auch?" Ich bemerke, dass ihre Stimme eine Betroffenheit zum Ausdruck bringt, die sie selbst nicht zuordnen kann. Ich selbst sehe mir das Bild jetzt genauer an. Ich sehe Staub, Verzweiflung und den Willen, all das irgendwie zu überleben. "Die Kinder auch. Die Leute versuchen über die Grenze in Sicherheit zu kommen." Von dem was vor der Grenze auf sie lauert, will ich nicht sprechen. "Haben die Angst? Was passiert da?" ich selbst habe Angst, die Frage in aller Deutlichkeit zu beantworten. Mir ist klar, wovor diese Menschen Angst haben. Die Bilder in meinem Kopf sind schwer erträglich, unzumutbar sind all die Details, die ich selbst gerne vergessen würde.

"Die Menschen flüchten vor dem Krieg in ihrem Land. Sie haben Angst um ihr Leben und deshalb suchen sie Schutz." Meine Antwort wirkt erklärend obwohl sie weiterhin damit beschäftigt zu sein scheint, das Bild zu erfassen und ich frage mich, was jetzt durch ihren Kopf geht. "Was ist los?" will ich wissen. Ihr Gesicht verrät, dass sie sich selbst eine Antwort abringen möchte. "Was beschäftigt dich gerade?" frage ich nach, hoffend, dass ich damit ihrem Sprechen darüber auf die Sprünge helfen kann. Sie sieht mich an und ich erkenne diesen Gesichtsausdruck. Es ist Angst, die ihr regelrecht ins Gesicht geschrieben ist. "Mama, ist der Krieg ein Monster? Und will er die alle fangen?" Überrascht lasse ich die Sätze auf mich wirken. Ich habe mir den Krieg noch nie als Ding vorgestellt wobei Monster mir selbst oft auf der Zunge lag, wenn ich Kriegsbilder bewertete und versuchte zwischen Schuld und Unschuld eine Unterscheidungen zu treffen. Hoffend, damit irgendeine Rechtfertigung zu finden, die im Grunde nichts rechtfertigt. Ich bemerke, dass die Vorstellung von einem Monster, das sich Krieg nennt, meine bisherigen Urteile ad Absurdum führt.

Das Monster Krieg an sich gilt es zu besiegen und nicht die Menschen, die im Krieg selbst zum Monster werden. Wären die Umstände anders, wären sie vermutlich auch anders. Irgendwie wird mir das in aller Undeutlichkeit klar. "Das kann man so sehen," antworte ich, "Krieg ist ein Monster, das Menschen dazu bringt, sich wie Monster zu benehmen." "Und wie besiegen wir es?" fragt sie, auf eine Lösung hoffend, die möglichst schnell und einfach all das zu einem guten Ende bringt. Ich selbst sehe mich am Ende mit meiner Weisheit, da mir die Komplexität der Welt, der Krisen im Kopf herumschwirren und die Beantwortung dieser Frage mir vermutlich den Friedensnobelpreis einbringen würde. Ich kenne die Antwort nicht, besonders in Anbetracht des Umfangs der Thematik, die ein Erfassen der Situation mir nahezu unmöglich erscheint.

Aus der Not heraus und um ihr nicht den Eindruck von absoluter Hilflosigkeit zu vermitteln, sage ich:"Ich kann dir das nicht klar beantworten. Vielleicht kannst du mir dabei helfen: Krieg ist ein Erwachsenenmonster, Streit ein Kindermonster, das kennst du ja. Wie gelingt es dir, das Streitmonster zu besiegen?" Sichtlich erleichtert, dass der Krieg etwas für Erwachsene ist, denkt sie angestrengt nach. Schließlich kennt sie sich beim Streiten aus. Mit einem Lächeln antwortet sie:
"Mama das ist ganz leicht: wir lassen es einfach sein, weil es nix bringt und spielen etwas anders. Sonst macht es ja keinen Spaß miteinander!" Zufrieden mit ihrer Antwort steht sie auf, um sich für den Kindergarten fertig zu machen.

Beeindruckt von der Klarheit ihrer Worte frage ich mich jetzt: Was bringt uns der Krieg, dass die Menschheit ihn nicht einfach sein lassen kann?