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Sonntag, 31. August 2014

Textfragment (ent)Scheiden

Hat entscheiden etwas mit dahinscheiden zu tun? Manches Ringen darum hinterlässt durchaus den Eindruck, als ginge es um Leben und Tod. Das Abwiegen und Aufwiegen, nur um sich in Sicherheit zu wiegen, dass das Treffen der Entscheidung zu einem persönlichen Volltreffer wird, wird zum persönlichen Alles oder Nichts, wobei Nichts auch Alles sein kann. Sonst wäre es keine Entscheidung.

Eine Option wird gewählt, die anderen scheiden aus und dahin, indem sie nicht gelebt werden. Wir betrauern das Aufgeben von dem was war, als Zukunft denkbar gewesen wäre um sich in diesem Moment bewusst zu werden, dass man nicht alles gleichzeitig leben kann, wozu einem der Sinn stünde. Wir erinnern uns an die eigene Begrenztheit, die uns im Lauf des Lebens nicht in den Sinn käme. Denn im Laufen sieht man nur den Punkt am Horizont, den man zwar ansteuert, der sich jedoch in der angenommenen Distanz der Wegstrecke nie in den Vordergrund spielt. Im Lauf konzentriert man sich auf das Laufen. Ein logischer Schritt folgt nahezu unbedacht zum nächsten. Der Blick zur Seite würde den Schritt verlangsamen, die Trittsicherheit gefährden. Keiner kommt im Lauf auf die Idee, dass der beschrittene Weg nur ein schmaler Grat ist, der links wie rechts senkrecht nach unten führt. Oder die schmale Furt einer Schlucht, deren Felswände steil gegen den Himmel streben. Unser Lauf wäre schneller vorbei, als er begonnen hätte, würden wir uns nicht darauf konzentrieren was unmittelbar vor uns liegt. Schließlich gibt das Tempo, das dem Lauf seine Eigentümlichkeit verleiht, keine Möglichkeit um die Gegend zu betrachten indem man inne hält. Erst wenn man steht, hebt sich der Blick und wir sehen die Landschaft, in der wir uns bewegt haben, in der wir uns bewegen und in der wir uns weiter bewegen könnten, wenn wir unseren Weg fortsetzen.

Ist der Lauf zu Ende und der Blick frei, stellt sich zwangsläufig die Frage: Wie geht es weiter? Die folgenden Schritte bedingen einer Entscheidung darüber, wie, wohin, ob überhaupt weitergegangen wird. Selbst der gegangene Weg wird in Frage gestellt, ohne Bedacht, dass er bereits hinter einem liegt, sofern man sich nicht dauernd nach ihm umdreht. Ob man nun am Gipfel steht oder die vermeintliche Talsohle erreicht hat, spielt beim Empfinden der Angst, den nächsten Schritt in die falsche Richtung zu setzten, keine so große Rolle. Vor einem liegt unbeschrittenes Terrain. Selbst wenn die Umgebung bekannt sein mag ändert dieser Umstand wenig am Abringen der Entscheidung, sich darauf einzulassen. Schließlich wird genau hier klar, dass ein Weg den anderen ausschließt, der ebenfalls Glück verheißen würde, Fortschritt brächte, leichter wäre, wäre man ihn gegangen und könnte man darauf Rückschau halten. Was gibt man auf, wenn man entscheidet? Diese Frage quält, erschwert die Wahl und erhöht gleichzeitig den Wunsch, sich richtig zu entscheiden. Der nächste Schritt muss einwandfrei sitzen. Schließlich kostet er Überwindung etwas nicht in Betracht gezogen zu haben. Er kostet ein anderes Leben, das man leben würde, hatte man sich anders entschieden. Der Preis wird zwangsläufig in die Höhe getrieben, je attraktiver die zur Wahl stehenden Optionen einem erscheinen. Dem Zufall überlässt man vielleicht noch die Vorselektion, den ersten Schritt setzt man bewusst, auch wenn man zuvor in eine Richtung gestoßen wurde.

Die Phase des Entscheidens ist ein Stehenbleiben. Ein neues Leben wird geboren, ein anderes geht zu Ende. Und in all dem wird die Begrenztheit als diffuse Angst vor dem Scheitern für einen Moment wahr genommen. Es sind Entscheidungen, die uns den Lauf des Lebens anhand der unzähligen Geburten und Sterbefälle der kleinen Leben in unserem Leben näher bringt und uns daran erinnert, dass alles ein Ende findet. Im Abwiegen nach dem Preis zu fragen macht keinen Sinn, denn das Leben kostet immer ein Leben.