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Sonntag, 13. Juli 2014

Textfragment Die Angst

Entsetzt starrte ich in ihr Gesicht. "Musst du immer so sein?" fuhr ich sie an. "Wie denn?" blaffte sie zurück. "So furchtbar! Ich bekomme regelrecht Panik, wenn ich dich ansehen...!" "Du bist lustig. Ich zeige mich immer von der schlimmsten Seite - das ist mein Job! Das müsstest du mittlerweile wissen. Für Eitle Wonne Sonnenschein sind andere zuständig...wo sind die überhaupt? Weder Selbstbewusstsein noch Hoffnung weit und breit...?" Die Angst stierte durch den Raum um vielleicht doch Spuren von ihnen zu entdecken. "Da sind wir heute schnell fertig."meinte sie mehr zu sich selbst als zu mir, die noch immer die furchterregende Fratze fixierte. "Ist es vermessen zu fragen, wie es dir geht?" fragte sie unverholen und ich vernahm deutlich den sarkastischen Unterton, der mit jeder Silbe jenen Siegeswillen zum Ausdruck brachte, der mir gänzlich fehlte. "Die Frage hättest du dir sparen können! Du siehst ja, dass sonst keiner da ist! Also keine gemischten Gefühle...falls du das meinst. Es geht um dich und um mich!"

"Wenn das so ist, dann habe ich gewonnen!" trotzte sie mir entgegen. Sie rückte den Sessel näher, vermutlich um mein angsterfülltes Gesicht eingehender genießen zu können, ließ sich geräuschlos darauf nieder und schlug die Beine übereinander. Ich war noch immer gefesselt von ihrem Anblick. Natürlich hatte ich Bilder im Kopf, die zuvor irritierten. Ihr gegenüber zu sitzen bedeutete jedoch, in den tiefsten Abgrund zu blicken, den Situationen bereit hielten, wenn alle Stricke reißen würden. Der schlimmste Fall der Fälle zierte ihr Antlitz und ich starrte darauf wie ein Kaninchen, dass gebannt vor der Schlange, auf den Tod wartend, einfach nur dasitzt.

"Schlimm oder?"bemerkte sie beiläufig. Natürlich war ihr nicht entgangen, dass ich bereits die Hosen weit über den Bund hinaus gestrichen voll hatte. Ich nickte, ohne mit der Wimper zu zucken. An dieser Stelle etwas anderes zu behaupten erschien mir sinnlos. Schließlich hatte ich es mit der Angst zu tun und der ist jedes Mittel recht um sicherzustellen, dass meine Angst den Raum erfüllt. Ein Verleugnen hätte die Bilder vermutlich verschlimmert, denen ich mich zu stellen versuchte und ich zweifelte bereits an meiner Standhaftigkeit.

"Du zitterst ja gar nicht!" fuhr es aus ihr hervor, nachdem sie mich offensichtlich unter die Lupe genommen hatte "was ist hier los?" Sie überprüfte erneut den Raum hin auf Anwesende, die ihr das Vorherrschen hätten streitig machen können. Doch sie war allein. Außer ihr und mir gab es nichts. "Wie gesagt - es geht um dich und um mich!" Ich senkte meinen Blick um ihr für einen Moment zu entgehen.

Einen Moment, mehr brauchte ich nicht, um mir selbst zu verdeutlichen, was ich hier und jetzt erreichen wollte. Die Angst vor der Angst wollte ich besiegen. Ihr endlich angstfrei zu begegnen war mein Wille -  mein Ziel, welches ich durch die eigene Überwindung erreichen wollte. Die Furcht vor ihr selbst war es, die mich bereits vor ihrem Auftritt außer Gefecht setzte. Nichts von dem, das sie mir bisher zeigte, konnte ich für mich verwerten. Gleichzeitig faste ich, oberflächlich betrachtet, den absurden Gedanke, dass es auch in ihr wesentliches zu entdecken gäbe, wäre ich nur mutig genug, ihr ins Gesicht zu blicken.

"Ich will keine Angst mehr vor dir haben!" presste ich heraus und bemerkte, wie sich das Gesicht der Angst verdunkelte. "Ich wäre froh, wenn deine Bilder mich zur Vorsicht mahnen würden, doch aus Angst vor dir getraue ich sie mir nicht einmal anzusehen." erleichtert setzte ich an dieser Stelle meinen Punkt. Ich hatte alles gesagt und bemerkte, wie ich zu meiner Standhaftigkeit zurückkehrte.

Ein bedrohliches Grollen überrollte den Raum. Scheinbar musste die Angst meine Worte verdauen. Ich sah ihr ins Gesicht und sah all das, was ich mit all den mir zu Gebote stehenden Mittel bisher übersah und in den Keller zum Vergessen sperrte. Zum ersten Mal war meine Angst mehr als ein wahr gewordener Alptraum, der mich lähmte oder schlimmer noch, meine Handlungen durch mein Angstvermeiden leitete. Ich blickte durch sie durch und vergegenwärtigte mir ihren Wert, den ich bisher nur erahnte.

"Hast du noch Angst?" fragte sie nach einer Weile des Grollens. "Ja, ich fürchte noch immer all das, was du mir zeigst." und das entsprach der Wahrheit. "Deine Bilder verlieren nicht an Schrecken, nur weil ich dich nicht mehr fürchte." "Dann ist es ok!"erklärte sie "Es ist jetzt Zeit, mit dem Zittern zu beginnen!" stellte sie abschließend fest, erhob sich geräuschlos und entschwand lächelnd, als sie meine schlotternden Knie bemerkte.