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Mittwoch, 16. Juli 2014

Textfragment Alter Falter

Die Fotos wurden kritiklos aus dem Automaten ausgeworfen. Ein Bild nach dem anderen fand seinen Weg hinaus in die Welt um davon zu erzählen was sich im letzten Jahr an Ereignissen in meinem Leben zutrug. Der Digitalfotografie und Drogeriemärkten verdankt meine Tochter gut gefüllte Fotoalben, die einmal im Jahr Zuwachs bekommen. Momente, die Dank des 25 % Jokers des Drogeriemarktes bei entsprechendem Punktestand, so gut wie wenig kosten, werden chronologisch aneinander gereiht und ergeben bestenfalls ein Bild davon wie es zum Jetzt kam.

Das Fotoentwicklungsgerät ächzte im 25 Sekundentakt, so, als hätte es Mühe all die Wahrheiten ans Tageslicht zu bringen. Abgelichtete Momentaufnahmen, die mich nicht ins rechte Licht rückten, fielen unmotiviert in die Auffanghalterung um mir als gestapelte Zeitzeugen vor Augen zu halten, was andere sehen, wenn sie mich sehen. Das letzte Jahr war intensiv. Vieles in meinem Leben hatte sich verändert und wie ich deutlich erkennen konnte, war mein Gesicht nicht weniger davon betroffen.

Der Fotostapel dokumentierte eindrucksvoll meine Entwicklung, die, ohne dass ich es merkte, sich faltig vollzog. "Spurlos ist nichts an mir vorüber gegangen" dachte ich, als ich die ersten Weihnachtsschnappschüsse besah. Fünfzehn Fotos zuvor, die mich an gelbe Herbsttage erinnern hätten sollen, waren meine Augenringe deutlich weniger und die Sorgenfalte, die sich zu Weihnachten unübersehbar in meine Stirn grub, war in der Herbstsonne ein zarter Strich in meiner Gesichtslandschaft.

Der Jänner war fatal! Offensichtlich hatten die Feiertage zuvor meinem optischen Verfall Aufschwung verliehen, der nun zwischen Schneemann und Schlitten zur Höchstform auflief. Zehn Jahre plus hätte mir an dieser Stelle jeder geben, der mutig genug gewesen wäre, eine realistische Einschätzung der Lage abzugeben. Ich beschränkte mich auf fünf. Mehr hätte ich im Moment des Erkennens nicht ertragen. Der Fasching gönnte mir 3 Bilder Pause, was daran lag, dass sich mein um zehn Jahre gealtertes Gesicht gänzlich hinter einer Katzenmaske verbarg.

Als ich die ersten Bilder von bunt gefärbten Eiern in Händen hielt, erinnerte ich mich an eine Debatte mit meiner Mutter, die mir im Osterjausenrausch Nahe legte, etwas kürzer zu treten. Ich verstand ihre Aussage damals als unwillkommene Einmischung in mein Leben. Den abgebildeten Beweis in Händen wurde mir klar, dass sie mich lediglich höflich darauf aufmerksam machen wollte: Kind, du wirst alt!

Der Tierparkausflug im Mai bewies, dass sich der Prozess zwar stoppen ließ, eine Besserung jedoch kaum zu erwarten sei. Falten werden eben nur aus Hemden und nicht aus Gesichter gebügelt, selbst wenn einer wie mir, das Gleichbügeln des Lebens gelingt.

Ich sah mich um. Noch immer stand ich vor dem Fotoentwicklungsgerät, das offenbar mit mir fühlte und genug von Wahrheiten hatte. Sein Standbysummen bestärkte meinen Eindruck. 73 Fotos war es her, dass ich mich wie ein Schmetterling fühlte, der gerade erst die Welt entdeckt. 73 Fotos später wurde aus dem Schmetterling ein Falter, ein alter Falter, dessen Metamorphose sich glücklicherweise in einer Drogerie vollzog, umgeben von tausenden Produkten die zumindest die Erhaltung des Status Quo versprachen. Wäre ich paranoid genug gewesen, hätte ich angenommen, dass die Bottiche mit Allerhandcremen für die reife Haut nicht zufällig daneben standen...