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Freitag, 27. Juni 2014

Lesung - Lesemarathon - für all jene, die nicht dabei sein können und wissen wollen, was die Gehirnstürme heute zum Besten geben

LESEMARATHON

Impuls
Ich wäre gern
Ein Wolkenschieber
Ein Sonnenscheinwerfer
Ein Blitzverbreiter
Ein Donnerwettervorhersager
Ich bin Kerstin Feirer, Bloggerin

Impuls
Schenke mir eine Sekunde
Leg was drauf
Dann wird's zur Stunde
Verschaff mir Zeit
Ich bitte dich
Einen Tag
Mehr brauch ich nicht
Vielleicht vergeht die Zeit zu schnell
Die nächste Woche ich bestell
Am besten noch bis Ende Mai
Dann ist das Gröbste schon vorbei
Vielleicht bringt es Erleichterung
Ist erst das nächste Jahr herum?
Und wenn ich weiter überleg
Ist dir ein Leben lang zu spät?

Keine Sorge, Sie werden die nächsten 30 Minuten mit mir überleben …
Was mich nicht umbringt, macht mich nur härter?
Und was ist mit der Totenstarre?

Die Mehrdeutigkeit, das Absurde, die Komik sowie der eine oder andere grandios versteckte Sinn in den Worten an sich, sowie in deren Anhäufung (auch Satz genannt), sind meine Triebfeder, die meine virtuelle Feder zum Schreiben bringt.
Diese, Ein,zwei,dreizeiler, nenne ich Impulse, die aus dem Moment des Wahrnehmens heraus ihren Ausdruck finden. Beispielsweise:



Impuls
Ob ich mich auf das Leben nach dem Tod freue?
Das kommt darauf an, wer gestorben ist...

oder
Impuls
EIN HIRN? GEH SPINNST?!
Oder
Impuls
Ich bin verlegen aus dem Umstand des Falschliegens heraus

Manche Gedanken fliegen mir zu, manche werden erst durch das Wort angestoßen, das mir meine Leser in den Kopf werfen. Mein Wort wörtlich nehmen, die Zerteilung oder die Entfernung vom ursprünglich Gemeinten wird zur „Wortspende – Schreiben auf Zuruf“, die ich spätesten nach 10 Minuten an den Zuwerfenden zurückwerfe. Hoffend, auf ein neues an fangen können

Ich bin den Schlaf los
Wenn ich denke
Schlaf, los!

Wortspende Familienbande
FAMLIENBANDE = Generationen übergreifende Nabelschnur ohne Aussicht auf Entbindung

Wortspende Feierlaune
Die FEIER an sich verdirbt nicht die LAUNE
Es sind mehr die Gäste, weswegen ich raune
Ich höre kein Lachen, wo bleibt bloß der Witz?
Und spielt die Musik, bleibt jeder am Sitz!
Ich dachte wir feiern, ich kann`s nicht verstehen
Ich werde nie wieder auf Begräbnisse gehen

Wortspende Sternschnuppe
Der STERN am Schlagerhimmel ist mir SCHNUPPE


Manches beschäftigt mich mein Leben lang wie die
Wortspende Selbstliebe
Ich, ich hab es ausprobiert
Und hab die Liebe delegiert!
Ich sage dir, du sollst mich lieben
So sehr, dass ich es selbst nicht muss
Die Bitterkeit in deinen Küssen
Die Vorboten von Überdruss
Erklärten mir mit Nachdruck dann
Dass ich wohl selber lieben muss
Die Liebe hab ich erst verstanden
Als mein Selbst die Liebe fand
Ein Delegieren, wie beschrieben
Hat als Liebe nicht Bestand

Das  Selbst und dessen Sinn, Ideen die die Welt verdrehen, Fragen um der Frage Willen, schenke ich Raum wie Zeit. Sie werden in Textfragmenten zum Weiterdenken für mich und all jene, die mit mir mitdenken wollen, verpackt. Auch hier ist es das Spielen mit Wörtern, das mir spielerisch meine Sicht auf die von mir konstruierte Welt verdeutlicht. Im Moment des Aufschreibens wird mein Denken zu meiner niemals ausgedachten Realität.
Impuls
Du glaubst ich habe den Verstand verloren?
Ich hatte Mühe ihn loszuwerden....
Impuls
Um drei Bälle zu jonglieren
Will ich lernen
Einen Ball zu fangen



Du fragst mich wo die Blumen sind?
Du willst wissen, wo sie geblieben sind?
Und wann die Zeit des Verstehens anbricht?
Und beobachtest dabei die Mädchen, die Männer, die Soldaten, ja selbst die Gräber die sich in der Wiederkehr der Ereignisse immer und immer, wieder scheinbar ohnmächtig ihrem Schicksal ergeben?
Sag mir was anders wäre,
Wenn die Mädchen aufhören würden, die Blumen zu pflücken
Nicht fortgebracht werden würden
Die Männer dem Ruf des Krieges nicht folgen würden
In Ermangelung an toten Soldaten die Gräber leer blieben
Kein Gras mehr darüber wachsen müsste
Und du aufhören würdest zuzusehen...

Das Hörensagen filtert bis zur allgemein annehmbaren Wahrheit
Je mehr Ohren und Münder das Gesagte passiert, umso mehr bleibt das auf der Strecke, was keiner hören und sagen will.

Und auch für das Zuhören in den nächsten 20 Minuten gilt meine Leseanleitung:
Die Einfachheit der Dinge liegt in der Einfachheit der Betrachtung
Ein Mehr an Information ist überflüssig

HAB SELIGKEITEN ZU VERKAUFEN!

Wortspende Verantwortung
VERANTWORTUNG bleibt Verantwortung
Egal wie oft sie geteilt wird

Textfragment Hand
Die Einfachheit der Geschichte sagt nichts über ihre Intensität aus. Manchmal liegt die Spannung gerade in der Übersichtlichkeit, die dazu einlädt unmittelbar einzusteigen ohne besorgt zu sein, sich im Wirrwarr der Story zu verlieren.
Das Leben unter die Lupe nehmen, im Kleinen das Große entdecken, das sind Momente, die einen gefangen nehmen können, sofern man bereit ist, sich emotional dort einzufinden, wo sich das Leben in einer Schlichtheit regt und sich sukzessive in seiner Mannigfaltigkeit offenbart. Der Facettenreichtum an Emotionen, der sich in den stillsten Momenten verbirgt, wird zum Zentrum der Betrachtung, deren Hauptaugenmerkt in der Nachvollziehbarkeit und weniger in der detailverliebten Darstellung von Handlungen liegt.
Der magischen Moment, der in der  Berührung zweier Hände verborgen liegt, gehört vermutlich zu diesen Geschichten, die dazu einladen, das Offensichtliche mitzuerleben, das in der Kleinheit des Habitus ihren Umfang erst durch das Empfinden offenbart. Diese einfache Geste, der wir uns täglich und zeitlebens bedienen, ist für mich Sinnbild für das Große, das manchmal gerade in der Flüchtigkeit und Alltäglichkeit ihren Ausdruck findet. Die Hand, als banalster Hinweis auf die Geschichten die das Leben schreibt.
Ich beobachte die Hand einer Mutter, wie sie zärtlich fest die Hand ihres Kindes umfasst. Das behütende „An der Hand führen“ wird zur Seilschaft, aus der heraus sich die Welt offenbart und das Entdecken derselben zu einem freudvollen, unbeschwerten Unterfangen wird. Aus dem Griff erwächst die Freiheit, sich in Sicherheit wiegend, die Welt zu erobern.
Ich beobachte die schüchterne Hand der Liebenden, die Halt und Bestätigung gleichermaßen sucht. Die wage Andeutung der möglichen und unmöglichen Möglichkeiten, verunsichert durch die eigene Unsicherheit den eigenen Erwartungen und Bedürfnisse gegenüber, wird das Halten der Hände zum Versuch eine Antwort zu geben auf die Frage „wo führt das hin?“
Ich beobachte den vereinbarenden Handschlag der erst durch seine Besiegelung Gültigkeit verleiht. Das Wort hält, was durch die Hand versprochen wird. Gleichzeitig bezeugt sie durch ihren Nachdruck von Macht und Ohnmacht, vom Nehmen und Geben. Von der Möglichkeit des Ausgleichs und der Übervorteilung durch den, der die Oberhand behält.
Ich beobachte die schwachen Hände, die einmal die Welt getragen und im Jetzt, wissend um das vergangene Geschick, einander die letzte Stütze sind. Die tröstende Hand zum Abschied, die pflegende Hand, die in ihrem Aufrichten den Eindruck von Respekt hinterlässt, wird in diesen oft sprachlosen Momenten der letzte Weg zur Verständigung über das was war, ist und wird.
Wir legen uns in unsere Hände und lassen sie unsere Geschichten schreiben. Der Moment der Ergriffenheit liegt manchmal in der einfachsten Sache der Welt. Im Berührt sein durch eine Hand.

Wortspenden - Nichtraunzerzone
Sie befinden sich in der Nichtraunzerzone
Bitte stellen Sie Ihr Jammern ein
Und schnallen Sie sich fest
Sie befinden sich auf einem Höhenflug

Abschalten ist ein Energiesparprogramm


Jede Erfahrung ist mit Erleben zu bezahlen und vom Umtausch ausgeschlossen

Das Leben hat sich ausgelebt
Nichts regt sich mehr im Herzen drin
Der Traum der einst den Geist bewegt
Schon längst verloren hat an Sinn

Du sprichst nur von Notwendigkeiten
Von einem Muss das dich antreibt
Du lässt es sein, sogar das Streiten
Zu nahe ist es, was sich reibt

Der Abstand ist nie groß genug
Distanz hältst du mit jedem Wort
Vielleicht ist dein Verhalten klug
So treibst du alles von dir fort

Dein Heil, meinst du, liegt hier verborgen
Wo keiner dich mehr rührt zu sehr
So kannst du sicher dafür sorgen
Dass niemand macht dein Leben schwer

Die Vielfalt tauscht du gegen Einfalt
Gemeinschaft gegen Einsamkeit
Du bist gewappnet und zwar eiskalt
Du selbst schenkst dir Geborgenheit

Dein dickes Fell ist eine Mauer
Niemand dich dadurch erkennt
Du meinst, so leben wäre schlauer
Und zwar erlebnisresistent

Impuls
Die Rundumschlagshäufigkeit ist antiproportional zur Kontaktwahrscheinlichkeit

Der Niederschlag lässt Veilchen sprießen



Impuls
Freundschaft wie Feindschaft gehören gepflegt
Wenn man sich nicht darum kümmert
Vergeht das eine wie das andere

Wir haben richtigen Stacheldraht zueinander …

Textfragment Die Mauer
Die Mauer stand schon immer da, zwecklos war ganz ihr Sein
Ein Meter rund die Höhe war, sie selbst war nur aus Stein

Als Teil der Landschaft schmiegt sie sich, inmitten der Farben hinein
Das Gras es wuchs in ihrem Schatten, sie fügte sich anspruchslos ein

Sie war ein grauer Teil der Welt, an sich ein steiniger Strich
Ihr Nutzen war ihr freigestellt, er war nicht wesentlich

Doch als die Zeiten Schatten warfen, Gewitter zogen herauf
Die Reden zusehends auf Ängste trafen, das Grollen in Stimmen blitzt auf

Da war es geschehen, mit Namen versehen, zur Grenze war sie auserkoren
Sie wurde gesehen um zu widerstehen, auf sie wurde eingeschworen

Das Augenmerk, es ruhte nun auf diesem steinigen Strich
Das Land selbst im Schlaf keine Ruhe mehr fand, der Frieden der Unruhe wich

Freund und Feind durch sie getrennt, sie machte den Unterschied
Durch sie der Feind den Feind erkennt, der Hass war nun Pläneschmied

Die Säbel rasselten zum Schutz, verteidigen wolle man sie
Vor dem, der vor oder hinter ihr stand, sie aufgeben würde man nie

Erst fiel ein Schuss zur Warnung nur, dann zielte man auf Herzen
Die Waffen richteten sich stur, auf das, was brachte Schmerzen

Der Mauer war es einerlei, sie selbst war nur aus Stein
Sie täglich ihren Schatten warf, im gelben Sonnenschein

Das Grau verschwand, denn Blut ist rot
Das Grün verbrannt, schwarz ist der Tod

Hinterlasse einen Spielplatz, kein Schlachtfeld!
DENK M A L

Wir könnten aufhören zu scheitern
Wenn wir den Versuch an sich
Als Teilerfolg für uns verbuchen würden

Wenn ich meine Augen vor all dem verschließe
Was um mich herum geschieht
Werde ich nie sagen können: ich habe es mit eigenen Augen gesehen!
So manches Wunder verkommt zum Hörensagen
Und im "nicht glauben können" nimmt man sich selbst Hoffnung

Wenn ich die Hoffnung verliere ist mir, als wäre alles dahin.
Um dann festzustellen, dass nur die Hoffnung verloren ging...

Zwischen Freiheit und Frechheit
Steht nur die Bewertung

Ich brauche einen Sündenbock
Einen für die Handtasche
Griffbereit für jede Verlegenheit

Textfragment Hölle
Ich habe meine persönliche Hölle besucht. Ich zähle mich zu den Glücklichen, die nur hin und wieder vorbeischauen und nicht dauerhaft darin leben müssen. Ich zwinge mich förmlich dazu, regelmäßig nach dem Rechten zu sehen um sicher zu stellen, dass sich meine Hölle nicht wesentlich verändert oder schlimmer noch, dass sie dort bleibt, wo sie ist und sich nicht heimlich in meinen Alltag schleicht.
Vor meinem letzten Besuch habe ich mich besonders gut auf meinen Höllenausflug vorbereitet. Ich habe mich in die nötige depressive Verstimmung versetzt, sämtliches Schuld- und Pflichtbewusstsein aufgeladen und eine Extraportion Weltenschmerz verdrückt - mehr als genug, um den  Magen bis hinauf zum Herzen zum Drücken zu bringen.
Ich habe mir vorgenommen, extra lange zu darben, um für die herannahende Sommerpause keinen weiteren Besuch mehr einplanen zu müssen. Ich hatte wirklich den Eindruck, hervorragende Arbeit geleistet zu haben, um den Höllenaufenthalt zu einer Qual werden zu lassen.
Diesmal ist jedoch alles grundsätzlich schief gelaufen. Die Anreise gestaltete sich bei den davorliegenden Besuchen sehr beschwerlich und mühsam, sodass ich bereits gänzlich ausgelaugt die Darbstation erreichte. Dieses Mal ging alles reibungslos glatt. Ich erreichte mein Ziel so schnell wie noch nie und hatte sogar den Eindruck, dass die Anreise mich entspannte. Ausgeruht angekommen, traf ich auf einen meiner Teufel. Er begrüßte mich freundlich und bot sich an, mir beim Tragen meines Schuld- und Pflichtbewusstseins zu helfen. Er erklärte, dass er, sofern ich ihn ließe, mich dorthin führen würde, wohin ich wollte. Ich war gänzlich überrascht. Das Suchen war in den Besuchen davor, ein fixer Bestandteil meiner Qual gewesen! Und jetzt wurde mir ein persönlicher Höllenführer zur Seite gestellt.
Die Selbstgeißelung hatte ich bisher als besonders qualvoll empfunden. Dort wollte ich hin, um endlich mit dem Darben beginnen zu können. Mein Teufel nickte verständnisvoll milde und meinte in einem beschwichtigenden Ton, dass sie diese Tortur aufgrund der schleppenden Nachfrage aus dem Repertoire nehmen mussten. Er könne mir stattdessen den Austausch in der Gruppe empfehlen. Er sei sich sicher, dass ich eine Bereicherung für alle Anwesenden wäre. Mein Hinzustoßen dürfte wohl großen Anklang finden. Er würde mich jetzt gleich dort absetzten, damit ich mit meinem Entwickeln anfangen kann. Im Anschluss werde er persönlich dafür sorgen, dass ich binnen 24 Stunden einen Termin für eine Einzelberatung mit einem der professionellen Berater bekomme, die neuerdings in der Hölle ein und ausgingen.
„Gestalt oder System?“ fragte er, als wäre es das Selbstverständlichste, das die Hölle zu bieten hätte. Ich war baff! Wirsch fuhr ich ihn an, was denn in meine Hölle gefahren sei, die mir bisher nur die Wahl der Qual ließ? Von welchem Teufel wurde sie nun geritten, indem sie mir jegliche Form der Selbstzerfleischung verwehrte?
Der Teufel überhörte meinen vorwurfsvollen Unterton, nahm beruhigend sanft meine Hand und antwortete verständnisvoll: "Bitte Frau Feirer, verstehe Sie uns. Auch wir als Hölle müssen unser Angebot den Bedürfnissen unserer Kunden anpassen!"

Wortspende Lachanfall
LACHen ist gesund!
Auch wenn es manchmal so klingt
Als hätte man einen ANFALL

Ich habe mich einer Bewegung angeschlossen
Dem Gehen
Das bringt mich weiter



Wortspende Labyrinth
Das Leben ist ein Labyrinth
Das immer einen Ausgang find'
Welcher Weg auch wird gewählt
Am Ende immer eines steht:
Exitus

Ich habe mich nicht getäuscht
Ich habe es verabsäumt alles zu sehen
BuchstabenSUPPEN lese ich gerne
Wenn Worte verschwimmen
Treibe ich in die Ferne
Ich tauche tief ein in das Wirrwarr an Sinn
Verrückt wie ein Huhn
Wenn ich Worte spinn

Weitsichtig sind Kurzsichtige, die um ihre Kurzsichtigkeit wissen
Kurzsichtig sind jene, die glauben in ihrer Weitsichtigkeit alles zu sehen

Wenn es seicht wird merke ich
dass ich nicht mitschwimmen kann

Und
Herumtümpeln ist kein Badespaß

Textfragment kein Märchen!
Für mich als Kind lagen die Kinder- und Hausmärchen der Gebrüder Grimm zu nahe an der eigenen Realität. Das "Es war einmal" schaffte nicht den nötigen Abstand, um nach der Lektüre seelenruhig einschlafen zu können. Der Schlusssatz "und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute" war mir Beweis genug, dass all das, was mir wenige Zeilen zuvor vorgelesen wurde, im Jetzt existent sein könnte. Dieser Umstand bescherte mir Gewissheit, dass es sich bei Märchen um wahrheitsgetreue Nacherzählungen handeln musste, die genau das beschrieben, was sich tatsächlich, damals im Hexenhaus, zutrug. Wie könnte es auch anders sein, wenn irgendwo der Prinz noch immer die Prinzessin küsst, sofern sie nicht gestorben sind…
Keiner konnte mir glaubhaft versichern, dass die Hexe das zeitliche segnete. Schließlich war sie im Stande ein Haus aus Kuchen zu bauen! Da dürfte es ein leichtes für sie gewesen sein, unbemerkt aus dem Backofen zu entkommen um anderenorts – vielleicht ganz in meiner Nähe, weiter ihr Unwesen zu treiben, indem sie Naschkatzen wie ich es war, in die Falle zu locken. An meinen Wolfshorror mag ich heute noch nicht denken! Oft genug wurden mir seine Brüder im Tierpark vorgeführt. In Anbetracht der Überreste diverser Wolfsmahlzeiten war mir als Kind klar, dass der 7-Geislein-verspeisende Wolf nicht aus seiner Art geschlagen ist, sondern in Herberstein seinesgleichen findet. Meine kindliche Überzeugung bescherte mir so manch schlaflose Nacht, in der ich stark schwitzend unter der Bettdecke mein frühzeitiges Ableben herannahen hörte, wenn meine Mutter an meinem Zimmer vorbei schlich.
Mein eigenes Leid als Kind vor Augen und dem Drängen meiner Tochter nachkommend, machte ich mich auf die Suche nach Märchen, die in mir keine, von Angst geprägten Kindheitserinnerungen, wachriefen. Ich schlug das Märchenbuch auf und wurde fündig: Die Brehmer Stadtmusikanten!
Ich erinnerte mich daran, dass dieses Märchen spurlos an mir vorüber gegangen war. Nichts in meiner Erinnerung erzeugte Gänsehaut. Im Gegenteil – für mich waren die Brehmer Stadtmusikanten eine hervorragende Einschlafmöglichkeit aus Ermangelung an eindrücklicher Ereignisse, die mich eventuell selbst hätten treffen können. Der Inhalt kann wie folgt zusammengefasst werden: alte, ineffiziente Tiere werden ausrangiert und sollen auf die Schlachtbank geführt werden um einen abschließenden, letzten Nutzen aus ihnen ziehen zu können. Die Flucht jedes einzelnen gelingt und gemeinsam gründen sie eine Band – die Brehmer Stadtmusikanten – die am Ende angekommen, eine letzte Heldentat vollbringen, indem sie die bösen Räuber mit ihrem Gejaule vertreiben.
Entspannt begann ich zu lesen, wissend, dass keine Hexe in meiner Fantasie wiederauferstehen würde. Das vertraute "Es war einmal" ging leicht von den Lippen und ich sah den nächsten 15 Minuten des Vorlesens entspannt entgegen. Nach dem ersten Absatz, indem die Flucht des alten, unbrauchbaren, kostenintensiven weil leistungsunfähigen Esels beschrieben wird, stieg in mir ein äußerst beklemmendes Gefühl hoch.
Ich dachte, es sei meine altbekannte Märchenphobie und las tapfer weiter. Ein nutzloses Tier folgte dem nächsten und mit jedem Schicksal wurde in mir das Bild, das mir auf dem Herzen lag, klarer: Dieses Märchen lag verdammt nahe an meiner Erwachsenenrealität!
Ständig wurde ich an Geschichten aus meiner unmittelbaren Umgebung erinnert, in denen sich einstige Helden von der plötzlich eigenen Nutzlosigkeit erschüttern ließen. Vieles von dem, was in den wenigen Zeilen beschrieben wurde, füllt Protokollseiten diverser Beratungsstellen und Gerichtsakten die das Abwehren des unausweichlichen „Weg mit dir!“ dokumentieren.
Ausgemustert und als Kostenstelle untragbar zu werden, weil die eigene Leistung im Auge des Controllers in keinem wirtschaftlichen Verhältnis zu der jahrzehntelang erarbeiteten Gehaltsstufe stände, befördert eine ungemütliche Wahrheit zu Tage! Nämlich, nicht bis zur Bahre das Letzte geben zu können. Im Unterschied zu den Brehmer Stadtmusikanten gibt es statt dem Happy End ein tragisches Schicksal, dass sich in der herannahenden Zukunft in einer Senioreneinrichtung erfüllt.
Meine Angst vor dem eigenen Alt-werden stieg in mir empor. Wie wird das einmal sein? Wie lange kann ich meinen Beruf, den ich über alles liebe und der mir meinen Sinn verleiht, ausüben? Was mache ich, wenn ich darauf hingewiesen werde, meinen Platz zu räumen, um Raum zu schaffen für jene, die zukünftig die gewünschte Leistung zum halben Preis bringen? Muss ich mich auch zum Teufel scheren, um nicht auf der Schlachtbank zu landen? Und was geschieht mit mir, wenn ich ausschließlich Kosten verursache und keine andere Leistung mehr erbringen kann, als selbständig die Toilette aufzusuchen? Trotz meines musikalischen Talents, das jeden in die Flucht schlägt, frage ich mich, ob ich jemals so flexibel sein werde, um mein, in das Alter gekommene Leben, noch einmal auf den Kopf zu stellen? Habe ich das Zeug zum Brehmer Stadtmusikanten?
Auf halber Textstrecke war ich gänzlich in Fragen verstrickt, die meine eigene Zukunft oder vielmehr die Angst davor, betrafen. Mein Vorlesen verlor jegliche Spannung und litt massiv unter meinen bedrückenden Zukunftsvisionen. Meine Tochter blickte, meinem Vortrag offensichtlich überdrüssig, an mir hoch und meinte bestimmt:" Das Märchen ist langweilig! Lesen wir etwas Grusliges!" Ich sah sie im ersten Moment verstört an und erfüllte ihr den Wunsch umgehend. Sollte sie sich doch ein wenig vor der Hexe fürchten - die Angst vor den Brehmer Stadtmusikanten kommt früh genug und hält an, bis zum bitteren Ende!

Impuls
Manches Märchen endet mit „es war einmal!“

Textfragment Mehr
Ich bin derzeit schiffbrüchig. Mein Schiff ist nicht gekentert. Ich bin freiwillig und voller Hoffnung ins Mehr gesprungen. Sehnsüchtig habe ich es mir immer wieder, an der Reling stehend, vorgestellt, wie es für mich wäre, in dieses Mehr einzutauchen, um aus eigener Kraft neue Ufer zu erreichen. Ich träumte von Inseln, die mich ernähren und mich aufnehmen würden, ohne zu fragen was mich an dieses Ufer getrieben hat.
Im Traum war ich Gulliver, der durch sein Anders-Sein zum Heilsbringer werden würde. Ich habe mich darauf verlassen, dass ich, nachdem ich mich lange genug über Wasser halten konnte, bestimmt ankommen würde, nämlich dort, wo selbst Zwerge Riesen sein können.
Der Sprung ins Mehr verlangt jedem Überwindung ab, die ich selbst erst nach Jahren des Träumens aufbrachte. Gerade erst an Deck angeheuert, habe ich zum ersten Mal das Mehr erblickt. In diesem Moment keimte in mir das Verlangen, irgendwann selbst einzutauchen. Ich begann mein Leben als Schiffsjunge und das Schiff bot mir Heimat und die Aussicht auf das Mehr zugleich. Ich lernte an Bord, mit den Tücken des Mehrs umzugehen, zumindest was das Schiff betraf, dass sich mehrmals erfolgreich gegen das Kentern zur Wehr setzte um nicht vom Mehr vereinnahmt zu werden.
Sicher geborgen,  konnte ich vieles beobachten, von dem ich dachte, dass es mir mein eigenes Springen und Schwimmen erleichtern, um nicht zu sagen „wie von selbst“ geschehen lassen würde. Ich habe gesehen, wie andere sprangen und zielsicher die Ufer, von denen sie glaubten sie erreichen zu müssen, erreichten. Ich sah jene, die sich in Fässern ziellos herumtrieben und offensichtlich vergessen hatten, dass sie die Ruder, die sie in Händen hielten auch benutzen konnten, wenn sie sie nur endlich wahrnehmen würden.
Ich sah Leichen und Scheintote, die ertrunken waren oder zumindest der Annahme darüber erlagen. Ich traf auf andere, die das Treiben, Rudern und gegen den Strom schwimmen schlicht satt hatten und wieder auf Schiffen anheuerten um dann von ihrer abenteuerlichen Mehrreise in den buntesten Farben zu berichten. Ich hörte ihnen so gerne zu und vergaß vor lauter Ehrfurcht, dass sie sich im selben Boot befanden wie ich selbst.
Mit der Zeit glaubte ich zu wissen, wie man das Mehr nicht nur überlebt sondern mit Gewissheit die Häfen zielsicher anläuft, von denen man annimmt, dass man genau dort ankommen kann. Ich war überzeugt, aus dem Scheitern der einen und den Erfolgen der anderen, die es vermeintlich zu etwas geschafft hatten, genug gelernt zu haben um, mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit, bereits über all das Wissen zu verfügen, was mir das Überleben über Bord sichern würde. Ich habe es nicht angenommen – ich ging davon aus, nahm es für wahr, ohne jemals selbst auch nur einen Zehen in all das auch getaucht zu haben.
Mit dieser Wahrheit war ich soweit. Ich erklomm die Reling und sprang, tauchte ein und die Bugwellen des Schiffs zerbrachen mir den Kopf. Die Angst vor dem Ertrinken stand nicht in der Unendlichkeit des Raums – dazu glaubte ich meiner Wahrheit zu sehr. Der Umstand, aus dem Mehr heraus die Orientierung zu verlieren machte mir eher zu schaffen. Aus dieser Perspektive hatte ich das Mehr noch nie erlebt. Alles schien so weit entfernt und ich fand weder Gelegenheit noch Möglichkeit, mir einen Überblick zu verschaffen. Ich entschloss mich, dem Schiff zu folgen, um zumindest von der Strahlkraft der Lichter zu profitieren, die den Horizont für mich ausleuchteten und ihn zu einem erreichbaren Ziel werden zu lassen, in der Annahme, dass sich dahinter der Lohn für das Springen befände.
Das Mitschwimmen zerrte an meinem geglaubten Wissen und verzehrte meine Kraft, die wesentlich dazu betrug, dass ich das Schiff weiter vorantrieb und selbst nicht mehr nachkam. Ich wurde mit Hohn und Spott bedacht, von jenen, die jetzt an der Reling standen und glaubten zu wissen, wie es ist, im Mehr zu schwimmen, wie man sich über Wasser hält und Ruder am effektivsten zum Einsatz brächte, sofern man sie als Antrieb gebrauchen würde.
Ich gab es auf, das Schiff durch mich voran zu treiben. Ich entzog mich der Beobachtung und folgte horizontlos meiner Irritation über das Erleben in all dem und viel Mehr. Ich genoss den Moment der Ruhe. Ich schenkte meinen Armen ruderfreie Zeit, damit ich mich erholen konnte. Der Zufall bescherte mir Momente der Orientierung die in ihrer Unklarheit mir verdeutlichten, dass alles von dem ich annahm über das Mehr zu wissen, ein Schiffswissen war, mit dem ich - im Mehr angekommen - nichts mehr anfangen konnte. Unklares Vertrauen macht den Umgang mit dem Umstand, den das Mehr mit sich bringt, leichter und erlaubt den Eindruck einer Sicherheit, die mir von Horizonten berichtet, die sich unmittelbar vor meiner Nase auftun.
Jetzt treibe ich mich herum, ohne Boden unter den Füßen. Ich genieße die Schwerelosigkeit und das Mehr, das mich umgibt. Ich kann umtriebig sein und mich treiben lassen, ich vermag unterzutauchen, durchzutauchen und aufzutauchen sofern mir danach ist. Meine Mehrzeit ist mir Lehrzeit um nicht neuerlich dem Irrtum zu verfallen, dass ich aus der Mehrzeit etwas über Inseln lerne, die ich gerade antreibe.

Die Trauer ist
des Abschieds Gruß
Das letzte was gefühlt sein muss
Damit ich sagen kann
Es war
Mir Freude
Als es da