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Freitag, 25. April 2014

Textfragment Wie kann man nur

Wie kann man das machen? Indem man es tut! Ich habe die Stimmen satt, die mir mit ihren moralverzerrten Mahnungen die Leviten ins Ohr lesen. "Wie kann man nur?" fragen sie mit vorwurfsvollem Unterton und geben sich durch die Frage selbst schon die Antwort, die der meinigen keinen Raum lässt. Ich werde verleitet mich rechtfertigen zu wollen um im selben Moment die Worte gedanklich zurückzunehmen, die vermeintlich ein unumstößliches Recht, nämlich das eigene, unterstreichen würden, wenn ich sie von der Kette ließe.

Es ist die Verachtung, die ich höre, wenn ich sie höre, diese Stimmen. Verächtlich blicken sie auf mich herab und ich, sofern der Drang nach Rechtfertigung von mir Besitz ergreift, zu ihnen hoch. Sie thronen auf "das gehört sich nicht" und machen den Diener vor dem schönen Schein, der einer permanenten Politur bedarf um nicht an Glanz zu verlieren. Indem mich wenig kratzt, kratze ich am Image, dem Wischtuch der Oberflächlichkeit, das für den nötigen Schein sorgt um mich wiederum daran aufzureiben, bis der Lack ab ist. Auf richtig und steif, in das Korsett der angenommenen Meinung der anderen gezwängt, verlautbaren sie ihr Urteil über denjenigen der tut, was man nicht tut. Sie strafen mit Augenaufschlägen denjenigen, der keines Blickes mehr würdig erscheint. Die Dogmenhüter, Moralapostel, sowie die gesamte Fremdschämkompanie vollstrecken das Gesetz des Gleichklangs. Jegliche Abweichung darf nur hinter geschlossenen Türen unter Ausschluss der öffentlichen Meinung zum Exzess getrieben werden.

Verachtung höre ich, wenn ich sie höre, diese Stimmen, die mir von ihrer Angst erzählen, das Gesicht zu verlieren. Dabei übersehen sie, dass sich ihr Gesicht unter dem schönen Schein seit jeher und für alle Zeiten verbirgt, bis sie sich Gedanken darüber machen, woraus die Fassade, die sie verkrampft aufrecht erhalten und andere dazu verdonnern es ihnen gleich zu tun, besteht. Der Aufputz fällt erst ab, wenn die Kraft ihn aufrecht zu erhalten, sich dem End nähert und die Frage nach dem Versäumten auf Beantwortung drängt um im vielleicht letzten Moment die Kurve zu nehmen, hinter der der Mensch in uns auf uns wartet um endlich ins Leben zu kommen. Es sind nicht die Dinge, die man nicht tut um nicht Gefahr zu laufen jemanden weh zu tun. Es sind die Dinge von denen angenommen wird, dass sie für die Fassade abträglich wären indem sie den Menschen in seinem Sein zum Vorschein bringen. Die Frage nach "Wie kann man nur?" beantworte ich nicht mehr. Ich frage "Wie kann ich nicht Mensch sein?"