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Donnerstag, 24. April 2014

Textfragment Kleinigkeit

Ich bin manchmal so klein, dass ich unter meinen eigenen Fingernägel Fußball spielen könnte. Die Wahrnehmung meiner Kleinigkeit vergrößert sich im Anblick des Sternenhimmels, der sich allabendlich, sofern es das vorüberziehende Tiefdruckgebiet zulässt, unfassbar weit über meinen Kopf hinweg spannt. Dieser stille Moment macht mich sprachlos in Anbetracht der überdimensionierten Kuppel, die in allen, durch meine Augen wahrnehmbaren Nachthimmelschwarznuancen die Unendlichkeit des Raums umschließt oder öffnet? Dem Beobachter, der am Boden bleibt und nur im Gedanken nach den Sternen greift, wird eine nähere Beobachtung vermutlich durch den eigenen Standpunkt verwehrt bleiben.

Immer wieder und vielleicht deshalb zwangsläufig stelle ich mir unweigerlich die Frage: Wie wesentlich bin ich? Selbst das Wolkenband, das eher schüchtern für einen kurzen Moment den Mond verschleiert ist hundert mal größer wie ich. Jedes einzelne Wassermolekül aus dem dieses nächtliche Gespinst von Sonnenhand besteht, kann ein Zigfaches an Weltmeererfahrung vorweisen - im Gegensatz zu mir, die sich nicht einmal getraut, die eigenen Zehen in die Adria zu tauchen. Von den Weltmeeren ganz zu schweigen. Beeindruckt stehe ich starrend am Boden der Tatsachen, die tatsächlich von Sekunde zu Sekunde an Relevanz verlieren. Für den Raum über mir waren und sind sie ohnehin nie relevant gewesen. Das wird mir deutlich klar.

Meine Kleinigkeit lässt alles in mir schrumpfen. Selbst die Ausweglosigkeit und den Zorn, die zusehends an Bedeutung verlieren indem ich ihnen meine Beachtung entziehe und spürbar abhebe, hin zu den Sternen, deren Antlitz vielleicht längst schon erloschen ist. Das Vergehen und Verglühen schenkt meiner Netzhaut den Unterschied zwischen Schwarz und Gold. In mir geht jenes Licht auf, das als Glühpunkt am tiefschwarzen Himmel seinen Anfang nahm. Es überstrahlt und leuchtet die dunkelste Ecke aus, ohne die Schatten groß werden zu lassen. Mein Unwesentlich-Sein macht mir nichts auch, selbst wenn es tagsüber oftmals schwer zu ertragen ist. Jetzt ist es unwesentlich, unwesentlich zu sein. Den Blick auf das Große gerichtet ist es die Ehrfurcht, die Besitz von mir ergreift und nicht der verletzte Stolz, der mich in Rage versetzt.

Meine Kleinigkeit und die Kleinigkeit mit der ich mich herumschlage und die mich wenige Minuten zuvor beinahe überwältigt hätte, ergeben sich ohne verloren zu haben. Den Kopf zu senken fällt schwer, gleichzeitig ist der Blick in die Welt die einzige Bedingung für das Eintreten des Wunders, das geschieht, wenn man erneut den Blick in den Nachthimmel richtet um für einen Moment unter den Sternen Klein zu sein.