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Mittwoch, 5. März 2014

Textfragment Fasten

Vorweg, ich faste invers und das ganzjährig. Dem Modefasten - auch wenn es einer jahrtausenden alten Tradition entspringt, stehe ich skeptisch gegenüber. Das bedeutet nicht, dass ich den Zielen, die damit erreicht werden sollen, irgendeinen Vorbehalt entgegen zu bringen habe. Im Gegenteil. Wenn ich die Fastentradition und die alljährliche Diskussion darum beobachte, entdecke ich Beachtenswertes, das für mein Empfinden nach zu wenig in den Fokus der "Berichterstattung" gerückt wird. Wesentlich für mich ist, dass es offensichtlich in diesem Kontext leicht gelingt, Ziele zu formuliert. Für mich ist dieser Umstand deshalb so wesentlich, da dass Formulieren von Zielen, besonders in dieser Klarheit wie sie in Fastenvorsätzen ausgedrückt wird, im Alltag für viele ein äußerst schwieriges Unterfangen darstellt. Selbst Menschen, die es generell vermeiden, sich selbst und ihrer Umgebung Ziele zu setzten, finden in der Fastenzeit Gefallen daran eines zu formulieren, um es in 40 Tagen zu erreichen. Angespornt von der klaren Formulierung, wird das alltägliche Handeln für einen überschaubaren Zeitrahmen genau davon bestimmt. Das ist die Grundvoraussetzung für das erfolgreiche Erreichen von Zielen. Der Einsatz dafür ist beachtlich und lässt mit Sicherheit den einen oder anderen persönliche Grenzen überschreiten. Dieses Phänomen ist für mich zentral und wird durch den Fokus auf den Mangel, der Ursprung meiner Skepsis, gänzlich aus dem Blickfeld gerückt.
Ich frage mich, welchen Sinn es macht als Ausgangspunkt für eine Verhaltensänderung, den Verzicht als handlungsleitendes Motiv zu wählen? Besonders wenn es sich um Ziele handelt, deren Erreichen derart wünschenswert ist, sodass sich Menschen 40 Tage lang dafür kasteien? "Ich darf nicht", "Ich muss" führt zwangsläufig zu einem Mangelbewusstsein, dass irgendwann - spätestens nach 40 Tagen - in der Befriedigung des selben sich selbst erlöst. Was würde anders sein, wenn das Handeln sich danach richtet, was man bisher schon getan hat um dieses Ziel, welches jetzt formuliert vor einem steht, zu erreichen? Wovon könnte man wesentlich mehr tun? Was mache ich bereits und was davon könnte ich forcieren um mein Ziel zu erreichen? Das sich daraus vielleicht ein Verzicht ergibt, wird im Mehr von etwas anderem befriedigt. Wenn ich höre: "Ich vernachlässige meine Familie und meine Freunde. Meine sozialen Kontakte finden nicht in der Intensität statt, wie ich es mir vorstelle. Um das zu ändern verzichte ich für die nächsten 40 Tage auf Facebook und Co", dann denke ich: Verbringe mehr Zeit mit den Menschen in deiner Umgebung, dann brauchst du auf nichts zu verzichten. Denn das Mehr an persönlichen Kontakt lässt weniger Zeit für anderes.