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Dienstag, 18. Februar 2014

Textfragment Nebel

Der Himmel schenkt mir schon lange kein Blau mehr. Dafür reicht er mit seinen zotigen Nebelschwaden bis zum Boden. Ich hatte den Eindruck, ich müsste diese nassen Fetzen wie einen Vorhang auseinander ziehen, um weiter als drei Meter sehen zu können. Ich will nach draußen und entschließe mich dann doch, einen weiteren Tag aus dem Fenster zu starren. Zu unwirklich wirkt die nebelfeuchte Straßenkulisse, um selbst einen zögerlichen Schritt hinaus zu wagen. Es ist nicht so, dass mir das Wetter auf`s Gemüt schlägt und ich mich bei jeder Smalltalkgelegenheit maßlos darüber alteriere, dass es gerade schrecklich ist, so wie es ist. Vielmehr führt mir der Nebel wahrhaftig vor Augen, worauf ich mein Augenmerk richte. Der Nebel legt über alles und jeden seinen nassen Tarnmantel. Alles wird, mit ihm umhüllt, ein Teil seiner Nebelwand. Nichts ist mehr klar erkennbar, nichts was ist, grenzt sich ab. Er wirkt auflösend auf Konturen wie Farben gleichermaßen. Harte Fakten wie die Kante einer Hausmauer verschwimmen und verformen sich in die Umgebung bis zur Unkenntlichkeit. Dass Grelle der Farben beugt sich dem nassen Grau und verzichtet scheinbar freiwillig, ohne den geringsten Widerstand zu leisten, auf jegliche Strahlkraft. Wie Zinnsoldaten in grauen Uniformen stehen sie da, die Hausfronten, die bei Sonnenlicht exaltiert ihre Individualität präsentieren. Seine Anwesenheit ist ein Sabotageakt an meiner Wahrnehmung. Nichts ist, wie es scheint und das Erraten, was sich hinter dem Vorhang verbirgt, ein gefährliches Spiel in der Dämmerung. Selten ist es so klar, dass nichts klar ist, wie wenn ich aus dem Fenster blicke und erahne, was sich hinter dem Gespinst aus feinsten Tröpfchen verbirgt. In der Nebelverkleidung macht nichts mehr einen Unterschied. Gleichzeitig mache ich mich immer mehr daran, nach den Unterschieden zu suchen, die den Unterschied machen! In der Annahme, der Klarheit nie näher kommen zu können als im Ausmachen von Unterschiedlichkeiten wird der Nebel zum Feind meiner Wahrheit. Ich wünsche mir dann, der Himmel würde mir ein bisschen Blau schenken um die Landschaft da draußen an, der in meinem Inneren, nähert, um sie bestenfalls zu bestätigen. Im selben Augenblick erkenne ich, dass die nebelige Aussicht meine Perspektive verändert und somit einen Unterschied macht.