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Sonntag, 9. Februar 2014

Textfragment Ich AG

Alles an mir lässt sich mittels Persönlichkeitsorganigramm und Prozessleitfaden nachvollziehen. Ich folge, wie es sich für ein gesundes Unternehmen gehört, den festgeschriebenen Regeln, die sich seit Gründung, also zum Zeitpunkt meiner Geburt, als derart relevant erwiesen haben, um sich als Prozess zu verfestigen. Alles begann mit der Beobachtung der Märkte, die unmittelbar auf mein Überleben als Ich-AG Einfluss nahmen. Um auf ihnen bestehen zu können, war es essenziell notwendig, auf mich aufmerksam zu machen (schreien hat sich bewährt) und gleichzeitig einen Kaufzwang, also ein Bedürfnis zu erwecken, den der Markt auf jeden Fall durch mich befriedigen wollte. Die Natur als Förderinstitution, stellte mir das Kindchenschema zur Verfügung, dessen ich mich durch die Gründungsphase hindurch bediente. Ob es am Wegfall der Gründerförderung lag oder ob die veränderten Markterfordernisse mich zu Veränderungen trieb, lässt sich nicht mehr evaluieren. Jedenfalls musste die erste Krise durchgestanden werden um ein ausdifferenzierteres Produktangebot entwickeln zu können. Der Heimatmarkt wurde mit festen Lieferverträgen gekoppelt, die es mir ermöglichten, fremde Märkte zu bearbeiten. Mit der neuen Ressource "soziales Verhalten", war es mir möglich, neue Spielregeln zu beobachten, zu erlernen um letztendlich mitspielen zu können. Es folgte eine Phase der Anpassung, die darauf abzielte, Geschäftsbeziehungen zu vertiefen, Kooperationen einzugehen um in Gemeinschaft Auswärtsspiele zu wagen. Die Grenzen meiner Ich-AG wurden mir erst bewusst, als ich auf die erste Institution traf, die es sich zur Aufgabe machte, mich als Franchisenehmer zu gewinnen. Man bot mir fremdes Wissen an. Unerfahren wie ich war, kaufte ich mich ein und übernahm über lange Zeit die Ware Wissen, ohne sie auf Inhalt zu überprüfen. Die Verträge waren streng geregelt und ich hatte mit beachtlichen Pönalen zu rechnen, wenn ich Vereinbarungen nicht fristgerecht einhielt. Mit den Jahren wurde es mir zu teuer und ich begann den Preis, den ich zu zahlen hatte, zu hinterfragen. Ständig stand der Abbruch der Geschäftsbeziehung im Raum und der Heimatmarkt, auf den ich mich über Jahre blind verlassen konnte, übte massiven Druck auf die Aufrechterhaltung des Status Quo aus. Eine Krisensitzung folgte der anderen um sich letztlich darauf zu einigen, dass meine Ich-AG in ein gelockertes Vertragsverhältnis zu entlassen sei. Ich vermute, dass es nicht an meiner hervorragenden Argumentation lag sondern vielmehr an der Tatsache, dass mein Verbleib ein zu hohes Risiko in sich barg, dass andere meinem Beispiel folgten. Mein Geschäft begann zu blühen und ich versuchte mich in der Erforschung neuer Märkte. Befreit von Knebelverträge begann ich zu begreifen, dass es für mich nicht mehr darum ging als Unternehmen zu überleben sondern gestaltend einzuwirken. Märkte sollten erobert werden, Ziele wurden definiert und vereinbart. Ich avancierte zum Global Player, der sich auf den Märkten, die Ruhm und Ansehen versprachen, wie zuhause fühlte. Was ich anzubieten hatte, musste den ständig veränderten Markterfordernissen angepasst werden. Mein Warenlager musste up to Date gehalten werden, mein Vertrieb forderte Werbemaßnahmen um sich besser behaupten zu können. Meine new economy Phase als Ich-AG forderte ihren Tribut und nachdem meine Ressourcen primär dazu verwendet wurden um den Werbeetat aufrecht zu erhalten verlor meine Ich-AG an Substanz. Ich musste zu meinem Leidwesen erkennen, dass ich wieder um mein Überleben am Markt zu ringen hatte. Vorbei war der Traum nach Verwirklichung und nach der feindlichen Übernahme durch einen Großkonzern fand ich mich in der Welt eines Arbeitnehmers wieder.