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Montag, 17. Februar 2014

Textfragment Häschen in der Grube

Wir haben die selbe Schule besucht, ohne uns zu kennen. Das lag daran, dass du kilometerweit von mir entfernt aufgewachsen bist. Trotzdem oder vielleicht gerade deswegen sprechen wir heute die selbe Sprache, die uns das Leben gelehrt hat. So unterschiedlich unsere Lehrer auch waren, sie haben uns beide auf eine Reise geschickt, die uns zwangsläufig zu diesem Scheideweg führte, an dem wir uns überraschend trafen. Im nachhinein könnte man sagen, wir haben uns im selben Loch wiedergefunden, in das uns das Leben kurzerhand warf. Auf sich allein gestellt wäre es vermutlich äußerst mühsam und kräftezehrend gewesen, den jeweils eigenen Schopf aus dem Sumpf zu ziehen.
Unser erstes Aufeinandertreffen verlief sehr formell. Offensichtlich gezeichnet vom jeweiligen Erdrutsch, standen wir uns gegenüber. Wir versuchten notdürftig den Staub aus unserer Kleidung zu klopfen und stellten erleichtert fest, dass wir uns nicht allein in dieser misslichen Lage befanden. Eher verstört reichten wir uns die Hand und begrüßten uns, als hätten wir ein gemeinsames Seminarwochenende vor uns. Wir stellten uns mit Vor und Nachnamen vor. "Wo kommst du her?" fragte ich. "Von da oben irgendwo - und du?" "Ich glaube ich auch..." antwortete ich . "Warst du schon mal hier unten?" deine Stimme verriet, dass du mit Sicherheit noch nie in einer ähnlichen Lage warst und du insgeheim darauf hofftest, dass die Situation zumindest für mich nicht unbekannt war. Ich verneinte. "Wie bist du hier her gekommen?" wollte ich wissen. Du hast verschmitzt gegrinst und gemein: "Ich bin einfach hineingerutscht! Ich habe die Erfahrung gebraucht. Wofür werde ich erst sehen. Und du? Hast du jemanden eine Grube gegraben und bist dann selbst hineingefallen?" "So könnte man sagen," antwortete ich verlegen: "ich bin davon ausgegangen jemand anders zu sein und hab fleißig geschaufelt. Was machst du sonst, wenn du nicht gerade in Erdlöchern hockst?" "Ich bin hauptberuflicher Ressourcenseher. Und Du?" "Perspektivenwechsler." antwortete ich knapp. Wir ließen uns gleichzeitig auf die Erde sinken und blickten nach oben. Was war das für ein Loch! Auch wenn wir uns auf den Kopf gestellt hätten, hätten unsere ausgestreckten Arme niemals zum Rand gereicht. Du hast instinktiv gespürt, dass mich in diesem Moment der Mut verließ. Aus den Nichts heraus begannst du zu kichern. "Was ist an dieser Situation lustig?" fragte ich, ohne meinen Frust verstecken zu wollen. "Alles! Ich finde es großartig, dass wir uns nicht entscheiden müssen, wohin wir gehen! Es gibt nur einen Weg der uns hier raus führt und der ist der einzig richtige! So ein Glück muss man haben! Die Frage ist nur, wie gehen wir das an..." Ich blickte in dieses grinsende Gesicht und mir wurde klar, dass genau darin die Lösung lag. Es war eine Frage der Perspektive! "Du hast recht," fiel ich in das Gelächter ein: " es ist ein Weg und zwar ein Tunnel. Keine Grube! Also los!" Wir krochen mühelos aus dem Tunnel und fanden uns nach kurzer Zeit am Rand der Grube wieder. Erleichtert setzten wir uns an den Rand und ließen die Beine in das finstere Loch baumeln. "Was machst du jetzt?" fragte ich. "Ich geh weiter. Auf mich wartet das Leben. Und du?" "Auf mich auch, ich geh da lang." gab ich zur Antwort. "Das trifft sich ja gut! In diese Richtung will ich auch!"