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Donnerstag, 5. Dezember 2013

Textfragment Kalt

"Es ist kalt" sagst du beiläufig, während sich die Haustür hinter dir schließt. Du klopfst dir den Schnee von den Schultern und ich rieche die gefrierende Luft, die sich mit in die Wohnung geschlichen hat. Ich höre wie du deine trockenen, kalten Hände aneinander reibst - ich höre, wie steifgefrorene Finger in Handflächen knacken. "Hallo" sage ich, ohne meinen Blick von der Zeitschrift zu lösen "zieh die Schuhe aus, du machst alles nass!" "Was machst du gerade?" rufst du,  immer noch mit deinen nassen Schuhen beschäftigt. Ich weiß, dass du deine schneefeuchte Jacke über meinen Mantel wirfst. "Ich lese" antworte ich genervt. Meine Stimme verrät meinen Frust, meinen Überdruss und ich hoffe, dass du es bemerkst. "Interessant?" fragst du. Ich nicke und ringe mir ein "mhm" ab. Du greifst dir den Stuhl der neben mir steht, ziehst ihn raunzend zu dir und lässt dich genauso geräuschvoll darauf nieder. "Muss das jetzt sein?" fahre ich dich an "ich lese gerade!" wütend starre ich in dein, durch die Kälte gerötetes, Gesicht.  Deine blauen Augen, die mich irgendwann an eine laue Sommernacht am Meer erinnerten, lassen mich jetzt frieren. Unruhig wandert dein Blick über meine Lippen, die meinem Ärger über dein unwirsches Setzen den nötigen Ausdruck verleihen. "Was hast denn jetzt?" fährst du zurück. Deine unüberhörbare Wut, genährt von Alltag, Desinteresse und Verständnislosigkeit lässt keinen Zweifel an der Prägnanz der eingetretenen Situation.  Die Stille des Moments klagt an. Unfähig Irrtümer einzugestehen und sprachlos stehen wir am Pranger unserer Beziehung. Die Angst vor Veränderung, die uns beiden in den Gliedern sitzt und unser Leben beherrscht, hält uns zusammen. Wie eingefroren sitzen wir uns gegenüber und es schaudert mir. Mein Herz pocht in meinen Schläfen und erinnert mich an lebendige Zeiten. Es fordert mich heraus, rührt mich an, meine Sehnsucht wächst. Die Angst, sie flüstert mir ins Ohr, vergiftet meine Gedanken und lässt meinen Kopf das Pochen meines Herzens überhören. Das Pochen bleibt -  ohne Konsequenz.
Dein Gesicht beginnt sich zu entspannen. Die Sekunden der Stille zeigen ihre Wirkung. Die Schatten der Angst bleiben. Wie immer. Du beginnst die Post zu sortieren, die ungeordnet auf dem Küchentisch liegt. Du stapelst die Postwurfsendungen und bemerkst: "was da alles zusammen kommt..." und schiebst den Stapel wie gewohnt zur Seite. Ich frage dich:"wann fährst du wieder?" "Bald" antwortest du. Mir misslingt ein "Schade..." und ich denke: gut - mir ist kalt