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Sonntag, 22. Dezember 2013

Textfragment Wandel

Meine erste Selbstmordfantasie hatte ich mit zehn. Dem voraus ging eine heftige Auseinandersetzung mit meiner Mutter. Ich befand die Situation als ungerecht - mir gegenüber versteht sich und so zog ich mich in mein Zimmer zurück. Am Bett liegend entbrannte meine Wut, mein Zorn. Der Gedanke ihr Schmerzen zuzufügen fütterte meinen Wunsch nach Rache. Ich wollte sterben! Wie, spielte keine Rolle. Zentrum des Gedankenspiels war das Verantworten meines Todes durch meine Mutter. Diese Schuld sollte sie quälen. Ich stellte mir vor, wie sie theatralisch bedauerte, zu meinen Lebzeiten so ungerecht gewesen zu sein. Sie bereute alles, unterstrich ihre Schuld - besonders ihr unfaires Verhalten gegenüber der missverstandenen, engelsgleichen Tochter. Und ich betrachtete diese Trauerszene und weidete mich darin. Dieser imaginäre Ausgleich meiner empfundenen Ungerechtigkeit erleichterte mich ungemein. Der Wirkung gewahr, wurde mir die Rache-Selbstmordfantasie das Mittel schlechthin, meiner Mutter eines auszuwischen.
Im Laufe der Jahre wurde aus meiner Mutter der jeweils Angebetete. Erst durch mein, mittlerweile dramatisch inszeniertes Ableben, wurde sich der Idiot, der mich lebendig nicht wollte, seiner unsterblichen Liebe bewusst, die ihn teilweise selbst in den Selbstmord trieb. Selber schuld!
So Mitte 20, nach genügend Beziehungserfahrung, die mich lehrte, dass es mehr als nur einen gibt, veränderte sich das Thema Selbstmord radikal. Die Unbekümmertheit der Jugend wich der zunehmend wahrgenommenen Verantwortung, die meinen Handlungsspielraum eingrenzte.  Meine freudvoll empfundene Leichtigkeit wich der Angst, dass meine Unbekümmertheit anderen und mir Schaden zufügen würde. In Momenten der Enge in denen ich regelrecht erdrückt wurde und meine Verzweiflung überhand nahm wünschte ich mir ein Ende. Ein Ende der Enge. Es ging nicht mehr um Schuld, um andere. In meiner Fantasie hörte einfach alles auf und es folgte eine Stille, die an Weite durch das Nichts ersetzt werden konnte. Ergeben im Rausch der Unendlichkeit veränderte sich meine, als real empfundene Enge. Die Fantasie wurde mir zur Insel, die mir das Leben erträglich und mir einen anderen Blick auf die Welt schenkte. Wissend, alles beenden zu können fand ich meine Leichtigkeit wieder. Diese Veränderung meiner Wahrnehmung mir Selbst und der Welt gegenüber veränderte mich und auch meine Selbstmordfantasie. Sie verschwand.